Samstag, 12. Oktober 2013

Philosophieecke - heute: Rousseau


Heute morgen regte die ZEIT auf Facebook zu einem - nun, ich will's mal "Philosophical Battle" nennen - an. Ich will hoffen, dass ich aus dieser Serie noch mehr lese. Folgende Aufgabenstellung wurde gegeben:

Freitagvormittag, Zeit für das philosophische Frühstück. Mit am Tisch: Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau. Obwohl es fast keins mehr gibt, streut Hobbes großzügig Salz auf sein Frühstücksei. "Der Mensch", sagt er, "ist von Natur aus ein Egoist. Darin sind wir gleich und darin liegt unser Fluch. Denn Egoisten teilen nicht gern." Rousseau greift nach dem Salzstreuer. "Geboren sind wir alle gleich, das ist wahr. Der Fluch aber ist die Kultur. Erst durch sie kommen Konflikte, Egoismus, Gewalt." Jetzt blickt er zu Ihnen: "Pardon, ich habe Ihr Salz aufgebraucht. Diese Eier sind wirklich vorzüglich!" Sie antworten? (ds)

Meine Antwort:

"Mein lieber Jean-Jacques, der bekennende Egoist, der sich als Individuum von anderen abgrenzt, der ist mir tausendmal lieber als der fundamentalistische Egalist, der sich anmaßt, für alle Menschen zu sprechen, für sie zu entscheiden, was richtig ist und damit eben doch gleicher ist alle anderen - damit der größte Egoist ist unter allen."

Ich widerspreche Rousseau tatsächlich. Nicht die Kultur ist der Fluch, wohl aber seine Idee der Gleichheit aller Menschen. Selbstverständlich sollen alle Menschen grundsätzlich die gleichen Rechte haben. Aber sie sind nicht gleich, jeder Mensch ist verschieden. Mit unterschiedlichem Intellekt, unterschiedlichen Erfahrungen und Fähigkeiten, unterschiedlicher Physis und Psyche - kurz gesagt: Jeder Mensch ist ein einzigartiges und freies Individuum und von Natur aus, genau wie Hobbes sagt, ein Egoist. Dies ist in meinen Augen nicht negativ zu betrachten, da der Egoismus stets zum Streben nach höherem führt und von moralischen und ethischen Grundsätzen geleitet, damit auch die Gesellschaft voranbringt. Die Idee - nein, die Illusion von der Gleichheit aller Menschen beschränkt das Individuum, führt zu Kollektivismus, führt zur Bevormundung. Diejenigen, die das propagieren, stellen ihre eigenen Maßstäbe über die Freiheit des Individuums, die erst da enden sollte, wo die Freiheit anderer beschränkt wird. 



Freitag, 13. September 2013

Star Trek: Wie die Fiktion die Realität beeinflusst

Ein sehr schöner Artikel in der FAZ, wie Star Trek uns alle in gewisser Art und Weise beeinflusst: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ueberwachung/star-trek-und-die-nsa-datenmissbrauch-nicht-mit-captain-kirk-12571024.html

Ein bemerkenswertes Zitat aus dem Aufsatz: "Wir brauchen wieder positive Science-Fiction. Wir brauchen eine erstrebenswerte Zukunftsvision. Eine, die wie „Star Trek“ Werte wie Humanismus und Gerechtigkeit hochhält. Aber auch eine, die zeigt, wie eine Gesellschaft ohne Bürokratie, ohne Unterdrückung, ohne Armut und ohne Geheimdienste funktionieren kann. Und nicht nur funktionieren kann - sie muss klar überlegen sein!"

Achtung, jetzt folgt das ultimative "Nerd-Outing": 

Ich denke, dem Autoren kann man getrost attestieren, sich nicht vertiefend mit dem Star Trek-Universum beschäftigt zu haben. Die Sternenflotte unterhält tatsächlich einen Geheimdienst, dieser spielt insbesondere bei TNG und DS9 immer wieder eine zumeist unrühmliche Rolle. Das zeigt aber lediglich, dass die Autoren nach Roddenberry eben doch Kinder ihrer Zeit sind und der heutige Zeitgeist Einfluss auf die Fiktion nimmt. Am deutlichsten leidet die bis dato eher positive Utopie in den letzten Kinofilmen der TNG-Ära. 

Trotzdem: Eine Einflussnahme auf die Entwicklung der Naturwissenschaft ist Science Fiction nicht abzusprechen. Auch auf die gesellschaftliche Entwicklung hat dieses Genre, natürlich nicht nur Star Trek, großen Einfluss. Als Orwell 1949 "1984" schrieb, prägte er das Misstrauen aller folgender Generationen gegenüber dem Staat. "Big Brother is watching you" ist nahezu jedem ein Begriff und das Sinnbild schlechthin für einen totalitären Überwachungsstaat. Insofern muss Science Fiction nicht zwingend eine positive Vision der Zukunft zeichnen um Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen. 

Aber um auf Star Trek zurückzukommen: Den Erfolg verdankt die Serie in meinen Augen tatsächlich nicht zuletzt den moralischen Grundwerten und der ethischen Integrität der Hauptprotagonisten. Unvergessen die Folge aus TOS, als Cpt. James T. Kirk Lt. Uhura küsste. Ansonsten absolut undenkbar in den 60ern, dass ein Weißer eine schwarze Frau küsst. Zwar geschah das in dieser Folge durch äußeren Zwang, dennoch seinerzeit ein Skandal in den USA. Unvergessen die Episoden in TNG, in denen Cpt. Picard als interplanetarer Archäologe aufdeckt, dass alle humanoiden Spezies gemeinsame Wurzeln haben und dem heutigen Zuschauer die Absurdität von Rassismus vor Augen führt. 

Dem Grundfazit des Artikels stimme ich zu: Star Trek verkörpert eine Zukunft, in der ich gerne Leben würde. Sowohl in technischer als auch in gesellschaftlicher Sicht. 

In diesem Sinne: Live long and prosper!


Montag, 15. Juli 2013

Politisch korrekte Kinderbücher

Der eine oder andere mag sich an die Diskussion erinnern, die Anfang des Jahres die Kultur- und Literaturteile großer deutscher Tageszeitungen beherrschte. 

Darf Pipi Langstrumpfs Vater ein Negerkönig sein? Darf man heutzutage noch von Zigeunern sprechen? Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker sahen sich ebenso dem pseudomoralischen Sturm des Entsetzens ausgesetzt wie Otfried Preußlers "Die kleine Hexe", die ja schließlich "Negerlein" trifft. 

Warum ich das heute schreibe? Seit einigen Tagen lese ich meinem Filius jeden Abend ein paar Seiten aus Michael Endes "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" vor. Beim Vorlesen habe ich mir heute fast einen Knoten in die Zunge gemacht, denn in politisch korrektem Neusprech hätte ich folgende Geschichte erzählt:

"Frau Waas öffnete sie, und da lag in der Schachtel - ein kleines Baby mit sehr dunkler Haut! Es schaute alle Umstehenden mit großen glänzenden Augen an und schien ziemlich froh zu sein, dass es aus dem ungemütlichen Karton herauskam. "Ein Baby!" riefen alle überrascht, "ein maximalpigmentiertes Baby!""Das dürfte vermutlich ein kleiner Mensch afrikanischer Abstammung sein", bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht." 

Man möge mir verzeihen, dass ich beim Vorlesen beim Original geblieben bin. Die Abenteuer von Jim Knopf haben mich durch meine Kindheit begleitet und ich liebte diese Geschichten. Ohne mich zum Rassisten zu machen. 


Montag, 1. Juli 2013

Freiheit

Freiheit... Was verstehen wir darunter? Für mich geht die Freiheit des Individuums über alles andere hinaus und endet erst dort, wo die Freiheit eines anderen Individuums beschnitten wird. Dementsprechend bin ich sehr skeptisch, was staatliche Überregulierungswut, blindwütige Verbote, Strafsteuern auf "unerwünschtes Verhalten" usw. angeht.

Hier das beste, was ich zum Thema "Freiheit" bislang gelesen habe - wohl wissend, dass es nicht die gelebte Realität, aber ein in meinen Augen zu erreichendes Ideal darstellt:

Das, was wir dann Staat nennen, ist ein reduzierter Staat. Reduziert auf das Erlassen allgemeiner Regeln, des äußeren Schutzes und des Rechts. Wir brauchen, und das mag manchen überraschen, die Autorität des Staates nicht als Hilfe, sondern als Macht. Als Gewaltmonopolist, nicht als Fürsorger; als Macht, die die Entwicklung freiwilliger und geordneter Formen des Zusammenlebens ermöglicht. Der nur all jene Wege zu diesem Ziel ausschließt, die mit Zwang verbunden sind. Der insofern "gleichgültig" ist gegenüber den verschiedenen Wegen zum gelungenen Leben, so es nicht die Rechte eines anderen verletzt. Er muss gegenüber der frei gewählten Lebensführung seiner Bürger peinlich neutral sein.
Dieser Staat ist Methode, nicht Inhalt. Er darf verwalten, nicht regieren. Er lehnt "politische Führung" ab. Er hat kein eigenes "Interesse". Er will weder erziehen noch geistig lenken. Er will den Bürger nicht anreizen, nicht manipulieren, nicht verführen. Das Gemeinwohl wird nicht durch staatliche Lenkung hergestellt, sondern durch das lebenspraktische Wirken der Bürger. Wir Bürger sind in ihm Individuen, die von niemandem als Mittel zum Zweck benutzt werden dürfen. Wir Bürger sind in ihm nicht Objekte seiner Beeinflussung, sondern Subjekte unseres eigenen Handelns. Er gesteht auch jedem Bürger zu, seine eigenen Fehler zu machen. Dieser Staat behandelt uns mit Gelassenheit, er hält Distanz, ist zurückhaltend, mischt sich nicht ein. Er orientiert sich an drei Kriterien: Respekt! Respekt! Respekt! Er lässt uns unser Leben selbst entscheiden, wie und mit wem wir auf welche Weise zusammenleben wollen, welche Idee vom guten Leben wir dabei verfolgen und welche Menschen uns dabei freiwillig helfen wollen. Er vertraut unseren Fähigkeiten zur Problemlösung. Es geht ihm vor allem darum, möglichst jeden Menschen so leben zu lassen, wie es ihm oder ihr gefällt. Dieser Staat hat im Privatleben der Bürger schlicht nichts verloren.
Sprenger, Reinhard K.: An der Freiheit des anderen kommt keiner vorbei, Campus Verlag, 1. Auflage, 2013



Mittwoch, 26. Juni 2013

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg...

... und verschwand. Schon alleine der Buchtitel ist eine Auszeichnung wert! 

Jonas Jonassons humoristischer Roman hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. 



Die Story möchte ich nur in Kürze wiedergeben. Am Tag seines 100. Geburtstags büchst Allan Karsson aus dem Altersheim aus. In zwei Erzählsträngen, kapitelweise abwechselnd, wird das aktuelle Abenteuer und sein bisheriges Leben beleuchtet. Vor allem in den Rückblenden geht es im Schweinsgalopp durch die letzten 100 Jahre der Weltgeschichte. Allan trifft eine erstaunliche Anzahl an historischen Persönlichkeiten. Was ihn mit Stalin, Churchill, Mao und vielen anderen verbindet und wie er immer wieder Einfluss auf die Geschichte nimmt, was er zu Oppenheimers Bombe beigetragen hat, das empfehle ich wärmstens selbst zu lesen. 

Jonasson schafft es, jede Situation mit trockenem, bisweilen makabren Humor darzustellen. Die Pointen sind gezielt gesetzt, die Geschichte stellenweise völlig absurd und daher nicht im geringsten vorhersehbar. Der Sprachstil ist leicht und geradezu spritzig, immer wieder auch mit umgangssprachlichen Ausdrücken gespickt, die den Charakteren eine sehr hohe Authentizität verleihen. 

Für mich das beste Buch, das ich die letzten 12 Monate gelesen habe. 

5 von 5 Eselsohren!