Sonntag, 1. Februar 2026

Effektivität vs. Effizienz im Bevölkerungsschutz


Effektiv ist, wenn die Lage abgearbeitet wurde. 👍
Effizient ist, wenn die Lage mit idealem Ressourceneinsatz so schnell wie möglich abgearbeitet wurde. 👍👍

Der Endgegner für Effizienz: „Nein, wir haben das schon immer so gemacht!“

Auf Einsatzführung und Stabsarbeit bezogen, bringt es das Bild auf den Punkt: In vielen Stäben und Einsatzleitungen wird heroisch die Zettelwirtschaft durch die Lage geschoben. Mit kantigen Prozessen, auf eckigen Rädern. Mit Klemmbrett, Vierfachvordruck (gibt es ein deutscheres Wort?), mit einer Lagekarte, handgeschrieben, vollgeschmiert, durchgestrichen, nachgetragen, erneut korrigiert…

Nicht etwa aus Mangel an Alternativen, sondern aus: „Das haben wir schon immer so gemacht und schließlich funktioniert es ja. Meistens. Irgendwie. Irgendwann.“

Die Prinzipien der Stabsarbeit stammen – historisch betrachtet – aus einer Zeit, in der Napoleon noch zu Pferde unterwegs war. Das ist auch völlig in Ordnung. Ein Computer kann schlussendlich auch auf den Abakus zurückgeführt werden - aber im Unterschied zur Stabsarbeit schubsen heute die meisten nicht mehr bunte Kugeln zum Rechnen hin und her sondern nutzen für komplexe Aufgaben spezialisierte Programme.

Leitstellen nutzen Einsatzleitsoftware für ihre Tätigkeiten. Nur im Stab, da verzichtet man auf Vernetzung, automatisierte Prozesse, eine Stabssoftware als zentralen Datenhub. Es wird vielerorts weiterhin mit Flipchart, Stift, Metaplanwand und Papier gearbeitet. Nicht als Redundanz sondern als Regel.

Argumente? Blackout, Cyberrisiken, Sicherheitsbedenken, Schulungsaufwände…

In der Realität jedoch: In meinen Augen oft Ausreden, um sich nicht mit modernen Methoden auseinandersetzen zu müssen. Denn robuste, resiliente Systeme existieren längst. Und zahlreiche Feuerwehren, Landkreise und Organisationen beweisen täglich, wie Digitalisierung in der Einsatzführung funktioniert – inklusive klarer Fallbacks.

Und mal ehrlich: Wer Schulungsaufwände scheut, übt meistens auch die „analogen Methoden“ nicht ausreichend. Und fährt dann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit größere Lagen vor die Wand. Nicht wegen fehlender Technik, sondern wegen fehlender Routine.

Und nein:
PowerPoint ≠ Lagekarte, Outlook ≠ Nachrichtenwesen, Worddokument ≠ Einsatztagebuch, Excel-Sheet ≠ Ressourcenverwaltung

Digitalisierung bedeutet:

🏙 allen beteiligten Akteuren
📝genau die benötigten Daten zur Informationsgewinnung und/oder Aufgabenbewältigung
⏱ in Echtzeit in der jeweils notwendigen Detailtiefe im aktuellen Stand
🗂 zur Verfügung zu stellen und alle
🔗 vorhandenen Daten so miteinander zu vernetzen, dass
📈 Prozesse standardisiert und optimiert werden können.

Diese nicht abschließende Aufzählung zeigt, dass Digitalisierung vor allem auf Effizienz und optimale Ressourcenausnutzung zielt.

#digitalisierung
#Stabsarbeit
#Einsatzführung
#Feuerwehr
#Katastrophenschutz
#Polizei
#Rettungsdienst
#metropolyBOS

Freitag, 16. Januar 2026

Master: Mission accomplished!

Was hier begann, konnte ich nun nach drei intensiven Jahren diese Woche mit der Defensio und der mündlichen Prüfung erfolgreich und mit gutem Erfolg das Studium zum "MBA Digital Marketing & Data Management" abschließen.👨‍🎓
 

Worum ging’s in der Arbeit?

Im BOS-Kontext wird viel über Beschaffung gesprochen, aber selten darüber, welche Kontaktpunkte in der Realität tatsächlich den Ausschlag geben. Mich hat interessiert, wie Informationssuche, Vertrauen und Anbieterauswahl entlang der Customer Journey wirklich entstehen. Dabei ist wichtig: Business2Government ist nicht einfach nur "B2B in langsam“, es ist ein gänzlich eigener Markt - das konnte ich beweisen.




Meine zentrale Erkenntnis:

Im BOS-Kontext entsteht Auswahlrelevanz vor allem über soziale Validierung, über Empfehlungen, Referenzen und persönliche Interaktion – während digitale Touchpoints in erster Linie Orientierung liefern. 💡

Was ich aus den letzten drei Jahren mitnehme:

Absolviert wurden 10 Module mit in der Regel je 3 Lehrveranstaltungen, jeweils abschließend mit einer Modulprojektarbeit:

1️⃣ Marketing Management - LV Strategisches Management und Marketing Evolution
2️⃣ Wissenschaftliches Arbeiten - Qualitative Forschungsmethodik und Statistische Methoden
3️⃣ Marketing Intelligence - Markt- & Potenzialanalyse, Marktforschung und Kundeprofile & Kundenanalyse
4️⃣ Digitale Marktpräsenz - Website Design & Usability, SEO und SEA
5️⃣ Instrumente des Digital Marketing - Social Media & Influencer Marketing, Content Marketing & Storytelling und Online Advertising
6️⃣ Implementierung digitaler Marketingstrategien - Key Performance Indicators, Digital Media Planning und Marketing Automation
7️⃣ Marketing Analytics & Datenschutz - Marketing Data Science und Datenschutz & DSGVO
8️⃣ Managementkompetenzen - Corporate Management: Unternehmensführung, Change Management und Leadership & Kommunikation
9️⃣ Internationales Marketing & Brand Management - Internationales Marketing, Strategisches Brand Management und Employer Branding & Personalmarketing
🔟 Psychologie im Marketing - Wirtschaftspsychologie, Medien- & Kommunikationspsychologie und Konsumenten- & Werbepsychologie

Neben fachlichem Know-how vor allem Disziplin, Selbstorganisation und das konsequente Durchhalten neben dem Job. Es gab viele Abende, viele Wochenenden und viele Schleifen, bis es wirklich präzise war. Heute ist klar: Die Mühe hat sich gelohnt. 💪🎯

Ein riesiges Dankeschön an alle meine Unterstützer und Interviewpartner - und allen voran an meine Familie, die die letzten drei Jahre auf einiges an "Family-Time" verzichten musste und insbesondere an meine bessere Hälfte, die mir immer den Rücken freigehalten hat. Ohne Dich wäre das nicht möglich gewesen - und vielen Dank für das T-Shirt! 🥰

Montag, 17. November 2025

Intuitive Software

Stabssoftware: Intuitiv und ohne regelmäßige Nutzung/Schulung bedienbar

So habe ich es neulich mal wieder in einer Ausschreibung gelesen. Und wie jedes Mal muss ich schmunzeln, dass das ohne weitere Eingrenzung als Bewertungskriterium in eine Ausschreibung einfließt.

Schauen wir uns also einmal an, was „Intuition“ eigentlich bedeutet. Das „etymologische Wörterbuch des Deutschen“ definiert wie folgt: „Eingebung, ahnendes Erfassen, Erkenntnis ohne wissenschaftliche Einsicht“ (1).

Das klingt nach Bauchgefühl, nicht nach einer klar prüfbaren Produkteigenschaft.

Die Wissenschaft ist da weiter: Intuition lässt sich definieren und messen – aber immer nur bezogen auf eine konkrete Zielgruppe und ihr Vorwissen. Vereinfacht gesagt: Intuitiv ist eine Nutzung dann, wenn Menschen mit ihrem vorhandenen Wissen Aufgaben erfolgreich lösen können, ohne lange nachzudenken und ohne große kognitive Anstrengung. Bis zu einem gewissen Grad ist das messbar, siehe Mohs und Hurtienne (2006) (2).

Aber genau hier beginnen die Probleme in Ausschreibungen:

Wenn keine Kriterien definiert sind, ist jede Software "intuitiv" bedienbar. Welche Zielgruppe mit welchem Vorwissen ist eigentlich gemeint?

▶️ IT-affine Stabsmitglieder mit vielen Jahren BOS-Erfahrung, die tatsächlich ohne großartige Einweisung eine Stabssoftware intuitiv erfassen können?
▶️ Haupt- und ehrenamtliche Führungskräfte, die ein- bis zweimal im Jahr im Stab sitzen und beruflich sowie privat sonst keine Berührungspunkte zu IT haben?
▶️ Verwaltungsmitarbeitende ohne größere Stabserfahrung?

Mal ernsthaft: Erwartet man, dass jede Person – unabhängig von IT-Vorkenntnissen und Fachwissen im Bevölkerungsschutz – komplexe Stabssoftware ohne Einweisung sicher bedienen kann? Klar ist sicher: Man benötigt eine gewisse IT-Affinität und ein Verständnis von Lageführung, Führungsorganisation und Prozessen.

Das beliebte Argument „Im Bevölkerungsschutz kann ja jede*r mit Papier und Stift arbeiten, Papier und Stift sind intuitiv bedienbar“ greift genauso zu kurz. Nehmen wir den 4-Farben-Vordruck: Wer das Formular nie gelernt oder geübt hat, wird damit im Einsatz unter Stress kaum souverän umgehen. Genauso wenig, wie früher jemand ohne Einweisung „mal eben“ mit Mantelbogen, Anlage N und Anlage Kind seine Lohnsteuererklärung ausfüllen konnte - obwohl jede*r im Alltag mit Papier und Stift umgeht.

Die Pointe: Intuition ist nichts Absolutes. Ohne klare Definition von Zielgruppe, Vorwissen und Aufgaben bleibt „intuitiv bedienbar“ im Lastenheft Buzzwording und ein leeres Versprechen – ein Kriterium, das so abzufragen absolut keinen Mehrwert bietet und im Nachgang unter Umständen zu Diskussionen führt.

Quellen:
(1) https://www.dwds.de/wb/etymwb/Intuition
(2) https://www.researchgate.net/publication/280015034_Intuitivitat_definierbar_beeinflussbar_uberprufbar

Freitag, 24. Oktober 2025

Merz und die Stadtbilddebatte

Die Stadtbilddebatte - nur echt mit selbstgerechter Empörung!


Schulz von Thun hätte hier wieder seine helle Freude. Zeigt die Debatte doch, dass insbesondere auch der Rezipient für die Dekodierung und Interpretation von Botschaften eine maßgebliche Verantwortung trägt.

Denn was hat Merz eigentlich ursprünglich gesagt - frage ich fassungslos, dass ausgerechnet ich Merz einmal verteidige? Wörtlich: 
„Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“

Aha. Es geht also um „Rückführungen“, d.h. er bezieht sich auf folgende Personengruppen: Straftäter, Gefährder, abgelehnte Asylbewerber und nicht integrierbare Personen. In den Medien wurde die Aussage vielfach auf „Migration“ verkürzt und die Empörung ist - mal wieder - groß. Kontext und Realität werden im Inbrunst der vermeintlichen political correctness beiseite gewischt. 

Rein auf der Sachebene sagte er lediglich, dass geltendes Recht durchgesetzt werden muss. Rückgeführt sollen die o.g. Personengruppen werden. Punkt. Das dürfte breite Unterstützung finden - da hilft kein „Ja, aber“ gefolgt von Relativierungsversuchen im Sinne von “das eigentliche Problem sind Männer”, “meine Töchter fühlen sich nicht unwohl” usw.

Wer hier nun interpretiert, dass sich das gegen sämtliche Migranten richtet, verfällt dem eigenen Bias und möchte Merz oder der CDU nur zu gerne rassistische Ressentiments unterstellen. DAS - und nur das ist das eigentliche Wasser auf den Mühlen der AfD.

Kann man machen. Hat mit der Realität aber nichts zu tun. Was ist denn die Realität? Bosbach hat neulich die richtigen Fragen gestellt: Kann man gefahrlos mit einer Kippa in Großstädten auf die Straße? Warum haben viele Freibäder heute Security? Poller vor Weihnachtsmärkten, Messerverbotszonen (völlig sinnbefreit…)? Fakt ist: Das Stadtbild hat sich massiv verändert. Nicht, dass “früher alles in bester Ordnung” gewesen wäre. Das hat kein Mensch gesagt.

Merz' Statement richtet sich insbesondere gegen Straftäter und Gefährder, also genau gegen die, die auch bei mir für ein ungutes Gefühl sorgen, wenn ich oder mein 15jähriger Sohn nach Einbruch der Dunkelheit alleine in der City unterwegs sind. Ich glaube niemandem, der sagt, dass er das völlig frei von Sorge macht. Dagegen anzugehen ist vor allem eines: Richtig.

Löst die Rückführung der o.g. Personengruppe alle Probleme? Nein, sicher nicht. Kriminalität bzw. die Wahrscheinlichkeit zu kriminellen Handlungen haben ihre Ursachen in zigfachen sozialwissenschaftlichen Studien belegt NICHT in der nationalen Herkunft und Ethnie, sondern in der zugehörigen sozialen Schicht. Je bildungsferner und prekärer die Lebenssituation, je größer die Wahrscheinlichkeit zu kriminellen Handlungen. Legt man die soziale Herkunft zu Grunde, ergibt sich kein signifikanter Unterschied in der nationalen Herkunft. Nichtsdestotrotz gehört zur Wahrheit, dass oben genannte Personengruppe überproportional in diesen Schichten vertreten ist. Ursachenbekämpfung ist wichtig, kann aber nur langfristig Auswirkungen zeigen - kurzfristig hilft auch in meinen Augen nur die konsequente Anwendung geltenden Rechts. Wer durch sein Verhalten oder durch den Rechtsstatus sein Bleiberecht verwirkt hat, der muss auch mit aller Konsequenz rückgeführt werden.

By the way: Da ich mich stets für geflüchtete Menschen eingesetzt habe, werde ich regelmäßig aus einschlägigen Kreisen als linksgrünversiffter Gutmensch bezeichnet.

Welch Ironie - man kann das eine tun ohne den anderen Sachverhalten nicht kritisch gegenüberzustehen.

Dienstag, 14. Oktober 2025

Lagefeststellung und Lagedarstellung

Lagefeststellung und Lagedarstellung - reingeschmökert

Das Buch von Bernhard Horst und Martina Rehbein (3. Auflage, ecomed SICHERHEIT) ist ein umfassendes Werk für Stabsarbeit und Einsatzführung in Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben.

Die Autoren spannen einen weiten Bogen: Beginnend mit theoretischen Basics wie räumlichen Voraussetzungen eines Stabes, Grundlagen der Wahrnehmung über Themen wie Farbenlehre, Gestaltgesetze (z.B. Gesetz der Nähe), Symbolik bis hin zur Informationsgewinnung, Bewertung/Auswertung von Informationen, Aufbau/Führen der Lagekarte sowie Lagedarstellung auf verschiedenen Ebenen.

Auch das Thema „Software für die Stabsarbeit“ wird behandelt. Die Autoren definieren zunächst, was sie unter Stabssoftware verstehen - nämlich jede Software, die in einem Stab eingesetzt werden kann und führen entsprechende Einsatzbereiche auf:

🗺️ geografische Informationssysteme für die Lagekarte,
🔁 elektronische Nachrichtenverläufe,
⌨️ Textverarbeitung für die Einsatzdokumentation,
💻 Tabellenkalkulation zur Kräfteverwaltung,
🧑‍🚒 Ressourcenmanagementsysteme zur Personalverfügbarkeit,
💽 Datenverwaltung über Datenbanken.

Sie stellen fest, dass die meisten Aufgaben eines Stabes auch mit gängigen Office-Anwendungen – also Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Mailclient, Präsentationssoftware und Webbrowser – durchgeführt werden können.

Das ist eine Stelle im Buch, die mich (wen wundert’s 😉 ) zum Widerspruch anregt. Hier fehlt ein wichtiger Hinweis: eine gerichtsfeste und revisionssichere Dokumentation ist mit Standard-Office-Produkten faktisch nicht bis nur sehr schwer möglich. Führung in komplexen Lagen erfordert heute nicht nur Übersicht, sondern auch digitale Nachvollziehbarkeit, Datenintegrität und Zugriffssicherheit – Anforderungen, die spezialisierte Systeme erfüllen.

Horst und Rehbein stellen im Verlauf des Kapitels fest, dass sich verschiedene Stabsführungssysteme etabliert haben, die auf Geoinformationssystemen basieren, an Einsatzleitsysteme (ELS) angeschlossen sind und als Nebenfunktionen Schadenskonten führen, Führungsorganisationen abbilden, Einsatztagebücher integrieren und Ressourcenmanagement ermöglichen.

Aber auch das greift in meinen Augen ein wenig zu kurz, denn eine zeitgemäße Stabssoftware ist mehr als die Summe einzelner Anwendungen. Sie fungiert unter anderem als zentraler Datenhub, an dem Informationen aus ELS, Einsatzabschnitten, aller beteiligten Akteuren, aus Drittsystemen und weiteren Quellen zusammengeführt, konsolidiert und zielgruppengerecht visualisiert werden – auf Makro- und Mikroebene.

Fazit: Dennoch natürlich ein lesenswertes Praxishandbuch, das inhaltlich wie didaktisch überzeugt und die Breite der Thematik sehr gut abbildet. Ein empfehlenswertes Standardwerk für jeden, der sich mit Führung in den BOS beschäftigt.

Und natürlich auf der hinteren Einbandseite mit einem sehr wertvollen Hinweis versehen, wie optimale Lagefeststellung und Lagedarstellung funktionieren! 😎