Sonntag, 7. November 2021

Impfdurchbrüche - 10% auf Intensiv sind komplett geimpft!

https://drive.google.com/uc?export=view&id=10nJBmTd0qDGoCmyNuOqBLh-mUA8K5T4E

Was man in letzter Zeit in den Kommentarspalten der Sozialen Medien lesen muss, lässt einen zweifeln.

🦠„Impfdurchbrüche! Mit so vielen Geimpften müssten wir schon lange Herdenimmunität erreicht haben! Geimpfte übertragen das Virus ebenfalls! Bringt doch alles nichts, wir werden verarscht!“🤧

Man braucht jetzt nicht unbedingt Oberstufenmathematik, um diese Zahlen richtig zu interpretieren und zu verstehen. Knapp 1/3 der Bevölkerung ist nicht geimpft. [1] Bei den hospitalisierten Erkrankten sind >90% nicht geimpft [2], das heißt diese 90% entstammen 33% der Bevölkerung.

Die Schlagzeile sollte also eher lauten: 90% der schwer Erkrankten auf den Intensivstationen sind NICHT geimpft. Mitnichten sind die Impfdurchbrüche ein Beleg für die Nichtwirksamkeit. Im Gegenteil - es liegt in der (mathematischen) Natur der Sache, dass der Anteil der Geimpften bei Hospitalisierung und Mortalität steigt. Nehmen wir an, wir hätten eine Impfquote von 100%, das würde natürlich auch bedeuten, dass dann 100% der Hospitalisierten geimpft wären und natürlich auch, dass 100% der an oder mit Covid gestorbenen geimpft gewesen wären. Hier sagt die bloße Prozentzahl also lediglich aus, dass es Impfdurchbrüche gibt. Sie sagt nichts über die Wirksamkeit als solche aus. Hierzu braucht man dann die Berechnung des Anteils der Hospitalisierten an der Gesamtsumme. Gerne vergessen wird hierbei auch, dass es nie ein „Versprechen“ eines 100%igen Schutzes vor Infektionen gab. Der Impfstoff wirkt dahingehend, dass die Infektionswahrscheinlichkeit und die Wahrscheinlichkeit auf einen schweren Krankheitsverlauf erheblich herabgesetzt wird, aber ein Restrisiko bleibt. Natürlich ist es möglich, dass auch ein Geimpfter, der sich infiziert hat, andere anstecken kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass er dies tut, ist aufgrund der geringeren Viruslast nur deutlich geringer. Man kann also nach den aktuellen Daten sagen, dass Geimpfte am aktuellen Infektionsgeschehen keine bedeutende Rolle spielen.

In Zahlen:

67% der Gesamtbevölkerung Deutschlands ist geimpft, das macht dann etwa 55 Millionen Personen aus. Aktuell sind laut DIVI 2.449 Personen mit Covid19 intensivpflichtig [3], davon 10%, also 245 Personen geimpft. Die übrigen 2.204 Personen entstammen den rund 27 Millionen nicht Geimpfter. Wer jetzt argumentiert, dass wir uns ja im Bereich von 0,0082 % der Gesamtbevölkerung bewegen, muss sich vor Augen halten, dass die Gesamtintensivkapazität Deutschlands mit rund 22.000 Betten (high- und low-care, darunter nur knapp 700 ECMO-Betten) ebenfalls nur etwa 0,026% der Bevölkerung ausmachen. Und diese sind bereits zu „normalen“ Zeiten außerhalb der Pandemien bereits gut mit Alltag ausgelastet, also so Kleinigkeiten wie Unfälle, Krebsbehandlungen, sonstigen schwere Operationen usw. Es ist also auch ohne die eingangs erwähnte Oberstufenmathematik sehr leicht erklärbar, warum eine Pandemie unser ohnehin knapp auf Kante genähtes Gesundheitswesen schnell an die Wand fahren kann.

»Verkauft uns doch nicht für dumm, das ist letztes Jahr schließlich trotz vieler Unkenrufe und Warnungen auch nicht passiert!« musste ich neulich lesen. Nun ja, wenn man das Ausbleiben katastrophaler Zustände als Folge präventiver Maßnahmen wie die Absage nicht unmittelbar lebensrettenden, elektiver Eingriffe rückblickend als „für dumm verkaufen“ ansieht…

In diesem Zusammenhang wird immer wieder gebetsmühlenartig die Mär der angeblich abgebauten Intensivbetten verbreitet. Es wurde doch mittlerweile so oft von unterschiedlicher Seite erklärt, dass sich die Zählweise geändert hat und unter anderem nur noch die Betten in die Statistik einfließen, für die auch Personal vorhanden ist. [4] Die 4.000, 5.000, 8.000 oder drölfzigtausend Bettenkapazität mehr gab es nie. Ich bin versucht, bei derartiger Faktenresistenz Vorsatz zu unterstellen.

Was all die Zahlen wirklich beweisen:

1. Impfungen wirken und verhindern schwere Verläufe mit hoher Zuverlässigkeit.

2. steigende Anzahl von „Impfdurchbrüchen“ belegen nicht die Nicht-Wirksamkeit, sie sind mathematisch erklärbar. Lediglich steigende prozentuale Anzahl im Vergleich nur innerhalb der Gruppe der Geimpften lassen Rückschlüsse auf sinkende Wirksamkeit zu und geben Hinweise auf die Notwendigkeit von Booster-Impfungen.

3. Die Lockdownmaßnahmen waren ganz offensichtlich richtig. Letztes Jahr um diese Zeit hatten wir bei einer Impfquote von 0% starke Alltagsbeschränkungen mit ähnlichen Inzidenzen wie heute. Man stelle sich vor, wie katastrophal die Lage geworden wäre, hätte man wie die letzten Monate auf die meisten Einschränkungen verzichtet.

4. Der weitestgehende Verzicht auf einschränkende Maßnahmen in den letzten Monaten ist nun Hauptinfektionstreiber. Wenn nicht zeitnah gegengesteuert wird, werden wir die Intensivstationen bis zum Jahresende überlasten. Ob die Beendigung der epidemischen Lage so glücklich war: Ich habe da so meine Zweifel.

Zum Thema „Impfpflicht“ wie seinerzeit bei den Pocken bin ich persönlich noch zwiegespalten. Das Infektionsschutzgesetz würde diese Maßnahme vermutlich auch vor verfassungsrechtlichem Hintergrund hergeben. Ob das aber in einer globalisierten Welt, in denen viele ärmere Nationen Impfquoten von <5% haben etwas bringt? Ich habe auch da so meine Zweifel. Die Pandemie wird erst vorbei sein, wenn sie weltweit vorbei ist.

Die Beibehaltung von 3G oder gar die flächendeckende Einführung von 2G-Regelungen (letzte Impfung in den letzten 9 Monaten) allerdings würde ich sehr begrüßen. Schlussendlich hat es jeder selbst in der Hand, ob er sich impfen lässt oder regelmäßig auf eigene Kosten PCR-Tests machen möchte. Für 99,9% der Impfgegner gibt es keine plausiblen medizinische Gründe, die einer Impfung widersprechen würden. Auf die angeblichen Langzeitfolgen oder den Coldwell‘schen Unsinn mit Milliarden zu erwartenden Toten durch die Impfung will ich an dieser Stelle gar nicht eingehen. Das ist mir deutlich zu blöd.

Zusammenfassend: Der Sinnspruch des letzten Jahres stimmt schon - there is no glory in prevention. Das Ausbleiben einer ultimativen Katastrophe wird nur zu dankbar als Argument für überzogene Maßnahmen genommen anstatt es als Beleg für die Wirksamkeit zu nehmen. Und eins ist so sicher wie das Amen in der Kirche: hinterher wissen es die 82 Millionen Bundestrainer, Virologen und Epidemiologen natürlich besser.


Quellen:

[1] RKI-Bericht vom 04.11.2021: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Wochenbericht/Wochenbericht_2021-11-04.pdf?__blob=publicationFile

[2] https://de.euronews.com/2021/10/12/impfdurchbruche-10-auf-intensivstationen-sind-komplett-geimpft 

[3] https://www.intensivregister.de/#/aktuelle-lage/downloads 

[4] https://www.nordbayern.de/politik/intensivbetten-abgebaut-warum-das-gerucht-nicht-stimmt-1.10990784


Montag, 1. November 2021

#theLänd

https://drive.google.com/uc?export=view&id=1J2jeCeKRz8vYiQC7e1XmqyCsZ6VOZaHT

21. 
Millionen. 
Euro. 

So viel kostet die Kampagne #theLänd der Agentur Jung von Matt/Neckar den Steuerzahler. Über Geschmack lässt sich nicht streiten - ich persönlich finde den Claim auch eher fad, da fand ich die Kampagne „Wir können alles außer hochdeutsch“ deutlich gelungener. 

Warum nun aber in Zeiten, in denen das baden-württembergische Kultusministerium erst neulich verlautbaren ließ, dass man leider die HilfslehrerInnen nicht in den Sommerferien bezahlen könne und bei weitem noch nicht ausreichend Luftfilter in den Klassenzimmern stehen, 21 Millionen Euro für eine Kampagne, die derzeit nur in Baden-Württemberg ausgerollt wird, bereit ist auszugeben, das erschließt sich mir beim besten Willen nicht. 

Welche Zielgruppe wird hier angesprochen? Wo sieht man da einen return on marketing invest? Der badische Teil des Landes identifiziert sich nicht einmal mit „Ländle“, was ja bekanntlich Quell der Verballhornung in Günther Oettinger Manier ist. Und inwieweit im Ausland #theLänd in Ermangelung von Umlauten auf den Tastaturen tatsächlich wahrgenommen, verstanden und verbreitet wird… nun ja, Jung von Matt wird schon eine entsprechende Analyse durchgeführt haben. Mich persönlich erreicht es allerdings nicht. 

Dass ein verkürzter ähnlichlautender Kommentar auf der LinkedIn-Seite des Landes gelöscht wurde: geschenkt. 🙄