Dienstag, 28. August 2012

Cc: - Denunziantentum im Web 2.0

Cc - ursprüngliche Bedeutung: Carbon Copy - Kohlepapierdurchschlag. Im heutigen Emailverkehr werden mit Cc. weitere Empfänger einem Adressatenkreis zugeordnet, die eine "Kopie" der Email bekommen.

Prinzipiell sind Emails eine prima Sache. Während man früher tatsächlich noch mit Kohlepapierdurchschlägen arbeitete, später mit Matrizen und in nicht allzu ferner Vergangenheit das Kopiergerät seinen Siegeszug antrat, kostete der Versand eines Rundschreibens doch sehr viel Arbeitszeit. Brief schreiben, vervielfältigen, einkuvertieren und wenn man Glück hatte, gab es Adressaufkleber. Ab zur Post und eventuell hatte man nach einer Woche die ersten Antworten. Wie schnell geht das doch heute: Email schreiben, Adressatenkreis wählen, abschicken. In sekundenschnelle wird die elektronische Post zugestellt und ein Vorgang, der früher Wochen und Monate bis zum Abschluss gedauert hat, ist oftmals in einem Bruchteil der Zeit erledigt. Ein Segen der Technik - den ich persönlich nicht missen möchte.

Aber es gibt auch eine Kehrseite. In der Emailkorrespondenz zeichnet sich mehr und mehr eine Verrohung der Sitten ab. Die gute, alte abendländische Höflichkeitskultur wird mit Füßen getreten, auf Grußformel und Eingangsfloskel wird oftmals gänzlich verzichtet. Im Verlauf eines "Emailgesprächs", quasi einem "Chat" mag das sicherlich angehen, ohne dass man es als unhöflich betrachtet. Werden aber Emails geschickt, beispielsweise mit einem Dateianhang und lediglich einem "Umgehend erledigen" im Text, ohne dass dies ein stehender, immer wieder kehrender Vorgang ist, dann zeigt sich dadurch eine gewisse Form der Missachtung seines Gegenübers. Der Mitmensch ist einem nicht wichtig genug, die grundlegenden Regeln des menschlichen Umgangs miteinander zu berücksichtigen.

Noch weitaus schlimmer ist der inflationäre Umgang mit dem Kohlepapier - pardon, mit dem Cc. Grundsätzlich ist jedem Menschen, der eine Nachricht verbreitet zu unterstellen, dass er hierzu eine Motivation hat. Im günstigsten Fall um andere Menschen, Mitarbeiter und Kollegen über ein sie betreffendes Projekt oder Thema zu informieren. Auch das kann schief gehen, wenn wir uns an den sog. "Shitstorm" erinnern, den Babette dieses Jahr im Bundestag ausgelöst hat. Ungünstiger wird es, wenn man eine Email erhält und sich fragt: "Was soll ich mit dem Mist? Betrifft mich nicht, interessiert mich nicht - löschen." Warum hat der Absender mich in seinen Adressatenkreis genommen? Wenn es sich nicht um eine von falschen Annahmen ausgehende - dass den Adressaten das Thema tatsächlich betrifft - Versendung der Email handelt, dann liegt der Verdacht einer gewissen Profilierungssucht nahe. Und sei es nur um zu zeigen, dass man auch etwas zu sagen hat. Schlussendlich aber hat ein jeder in seiner täglichen Arbeit Probleme, der Flut an Neuigkeiten, die das Informationszeitalter mit sich gebracht hat, Herr zu werden. Emails werden gelesen, oftmals nur oberflächlich überflogen und tatsächlich wichtige Informationen gehen unter Umständen völlig unter.

Die schlimmste Unsitte ist jedoch, jemanden per Email auf ein vermeintliches Fehlverhalten hinzuweisen und hierbei andere Personen ins cc. zu nehmen. Was wird hiermit bezweckt? 

Man reise nun gedanklich in die Zeit des Kohlepapiers und des guten, alten Briefverkehrs zurück. Man stelle sich vor, man hat das dringende Bedürfnis, an einem anderen Kritik zu üben. Man spannt also einen Briefbogen in die Schreibmaschine und urplötzlich fällt einem ein, dass man ja auch anderen unbedingt mitteilen muss, was man zu kritisieren hat. Also kommen hinter den Briefbogen noch mehrere Kohlepapiere und Durchschlagblätter - bis die Walze in der Schreibmaschine um Gnade winselt - oder der Toner im Kopierer vor Überhitzung kapituliert. Nein, ich unterstelle, dass kaum jemand vor 20 Jahren auf diesen Gedanken gekommen wäre. Man hätte zum Telefonhörer gegriffen und die Sache aus der Welt geräumt. 

Was passiert heute? Unüberlegt wird der Frust über ein vermeintliches Fehlverhalten in ein Emailprogramm gerotzt und einem möglichst großen Verteilerkreis diese Information zugänglich gemacht. Man übt damit eine Form von Macht aus, denn nichts ist leichter zu schädigen als ein Ruf - selbst wenn sich die Kritik als haltlos herausstellen sollte. Ich möchte sogar soweit gehen, neben der offensichtlich vorhanden Profilneurose eine Form von Böswilligkeit zu unterstellen, denn augenscheinlich möchte man dem anderen schaden. Natürlich, "Allen antworten" ist eine Option, die unter Umständen den Absender dumm da stehen lässt - aber muss man so einen Umgang miteinander pflegen? Ich denke nicht. Darum: Prüfe stets Deine Motivation, warum Du Menschen ins Cc. nimmst. Ist es wirklich notwendig?

Ach ja, eine Steigerung zum Cc - Denunziantum im Web 2.0 - gibt es dann tatsächlich noch. Bcc genannt.

Sonntag, 26. August 2012

Religiosität - (k)eine Rolle im Ehrenamt


Neues von der FernUni-Front: Das Sommersemester ist vorbei und eine Hausarbeit war anzufertigen. Zunächst musste ein englischsprachiger Text bearbeitet werden. Ich entschied mich für Women’s Rights and Islam in Turkish Politics: The Civil Code Amendment von Yesim Arat. Die Autorin bearbeitete die Fragestellung, inwieweit die Parlamentsdebatten zur Novellierung des Zivilgesetzes mit Schwerpunkt der Gleichberechtigung der Frau in der Türkei seitens der Regierung und der Opposition genutzt wurden, um eine Grundsatzdiskussion über den säkularen Staat auf der einen und die Verankerung des Islam auf der anderen Seite zu führen. Die weitere Aufgabenstellung lautete, sich Gedanken um ein eigenes 15seitiges Hausarbeitsthema mit thematischer Nähe zum englischsprachigen Text zu machen, eine Fragestellung zu erarbeiten, hierzu Literatur zu recherchieren, die theoretische Verortung zu finden und abschließend ein Exposé und eine Gliederung zu erstellen. Es ist naheliegend, bei derartigen Aufgabenstellung zu versuchen, auch eine Nähe zum Beruf zu finden. Von daher beleuchtete ich zunächst einmal vergleichend die Katastrophenschutzstrukturen in Deutschland und der Türkei. Daraus lies sich allerdings schwerlich eine politikwissenschaftliche bzw. soziologische Fragestellung ableiten, die auch nur ansatzweise mit dem Ursprungstext zu tun hatte. Als mir allerdings eine Statistik über die Bedeutung der Religion im alltäglichen Leben in der Türkei und den EU-Ländern unter die Augen kam, war das Thema geboren. Hier mein eingereichtes Exposé mit für mich persönlich durchaus überraschendem Ergebnis:


Religiosität – (k)eine Rolle im Ehrenamt

Wie wirkt sich die Religiosität einer Gesellschaft auf ehrenamtliches, freiwilliges Engagement in einer Hilfsorganisation im Katastrophenschutz aus?


Aus einem technischen sowie beruflichen Forschungsinteresse heraus beschäftige ich mich mit der Fragestellung, inwieweit der Grad der Religiosität der Bevölkerung eines Landes, hier im Speziellen der Türkei, Auswirkungen auf die Tätigkeit in einer konfessionslosen Hilfsorganisation mit Bezug zum Katastrophenschutz wie der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung hat bzw. inwieweit die Religiosität die Auswahl einer religiösen oder nicht-religiösen Hilfsorganisation, in der man sich ehrenamtlich betätigen möchte, beeinflusst. Die Fragestellung hat einen soziologischen Kern und wird politikwissenschaftlich die politische Gesellschaft betreffend konstruktivistisch in der Gendertheorie betrachtet. Als soziales Geschlecht wird hier die Religiosität gesehen.

Die Hausarbeit würde nachfolgende Gliederung (als Reihung) haben. Die Gliederungsstruktur ergibt sich aus den verschiedenen gleichwertig gegenüberzustellenden Gesichtspunkten:


1 . Vorwort (2 Seiten)


Jürgen Gerhards vergleicht in seiner Studie die Religions- und Wertorientierung in der EU und der Türkei.[1] Als Grundlage zu meiner Hausarbeit dienen die statistischen Werte über die Religion und Lebensführung. 17,9 % der Bürger der damaligen 15 „alten“ EU-Länder gaben an, dass die Religion wichtig im eigenen Leben sei. In der Türkei betrug dieser Prozentsatz 81,9 %.[2] Insofern ist die Frage, inwieweit sich dieser hohe Grad an Religiosität in der Bevölkerung beim Vorliegen eines ehrenamtlichen Interesses auf die Wahl der Hilfsorganisation mit bzw. ohne religiösen Hintergrund auswirkt, eine nähere Betrachtung wert.

Im Vorwort gehe ich des Weiteren auf das Untersuchungsinteresse ein und stelle kurz die Grundsätze der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung dar. Hier mit besonderem Schwerpunkt auf dem Neutralitäts- und Unparteilichkeitsgrundsatz[3], um die Unterscheidung zu Hilfsorganisationen mit religiösem Hintergrund aufzuzeigen.

2. Deutschland (2 Seiten)

Ich stelle in diesem Kapitel die Grundzüge des Katastrophen- bzw. Bevölkerungsschutzes in Deutschland dar. Zuerst wird die rechtliche Grundlage betrachtet (Verankerung im Grundgesetz)[4], anschließend die Einbindung der verschiedenen Hilfsorganisationen als private Träger der Katastrophenhilfe. Ehrenamtliche Betätigung im DRK und in Non Governmental Organizations (NGOs) sowie in staatlichen/kommunalen Organisationen wie dem Technischen Hilfswerk (THW) oder den Feuerwehren hat in Deutschland eine lange Tradition.

2.1 Deutsches Rotes Kreuz (DRK) (1 Seiten)

Es wird die föderale Organisationsstruktur des DRK betrachtet und die Mitgliedszahlen der aktiven Helfer der Hilfsorganisation aufgezeigt. Das DRK verfügt über etwa 400.000 ehrenamtliche Mitglieder.[5]

2.2 Hilfsorganisationen mit religiösem Hintergrund (2,5 Seiten)

Es werden die Hilfsorganisationen Arbeiter-Samariter-Bund (ASB)[6], Johanniter-Unfallhilfe (JUH)[7] und der Malteser-Hilfsdienst (MHD)[8] mit ihren jeweiligen Organisationstrukturen und dem religiösen Bezug dargestellt und die Mitgliedszahlen aufgezeigt. Der ASB verfügt über etwa 12.500 aktive Ehrenamtliche, die JUH über etwa 29.500, der MHD über etwa 44.000. 

3. Türkei (2 Seiten)

Die Strukturen des Katastrophenschutzes in der Türkei werden betrachtet. Es gibt hier, ähnlich wie in Deutschland, verschiedene Ministerien, die für diesen Komplex verantwortlich sind[9]. Anders als in Deutschland ist der Katastrophenschutz zentral gesteuert. Auch in der Türkei arbeiten neben dem Türkischen Roten Halbmond verschiedene NGOs aktiv in der Katastrophenhilfe mit[10].

3.1 Türkischer Roter Halbmond (TRH) (1 Seite)

Es werden die Organisationsstrukturen des TRH sowie die Mitgliederzahlen aufgezeigt. Der TRH verfügt als eine der stärksten nationalen Hilfsgesellschaften der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung über etwa 1,2 Millionen aktive Mitglieder.[11]

3.2 Hilfsorganisationen mit religiösem Hintergrund (2 Seiten)

Die Hilfsorganisationen mit religiösem Hintergrund werden in ihren Organisationsstrukturen, ihrem Selbstverständnis und ihren Mitgliedszahlen aufgezeigt, insbesondere die Organisationen „International Foundation for Human Rights and Fredoms and Humanitarian Relief (IHH)“, die sich als islamische Hilfsorganisation versteht, „Kimse Yok Mu (KYM)“ und „Muslim Aid (MA)“. Letztere Hilfsorganisation versteht sich als Organisation, die Muslimen hilft.[12]

4. Fazit (2,5 Seiten)

Aufgrund der bisher erhobenen Daten erstelle ich im Rahmen des Exposés folgendes vorläufiges Fazit. Bei der endgültigen Ausarbeitung der Hausarbeit können sich Änderungen ergeben.

Die Mitgliedszahlen gegenüberstellend wird man feststellen, dass ehrenamtliche Betätigung im Katastrophenschutz im Allgemeinen in der Türkei gemessen an den Bevölkerungszahlen eine wesentlich höhere Wertigkeit besitzt als in Deutschland. 

Erwartungsgemäß bestätigen die Zahlen für Deutschland deutlich Gerhards Statistik über die Bedeutung der Religion im alltäglichen Leben, sofern man postuliert, dass die aktive Mitgliedschaft in einer religiösen Hilfsorganisation tatsächlich unter anderem mit einer bewussten Entscheidung für diesen christlichen Hintergrund einhergeht.[13] Tatsächlich entscheiden sich über 80 % der Deutschen, die in einer NGO mit Bezug zum Katastrophenschutz freiwillig tätig sein wollen, für eine Tätigkeit beim DRK, also einer nicht religiös motivierten Hilfsorganisation. 

Wenn man den Aufsatz von Gerhards[14] über die kulturellen Unterschiede zu Grunde legt, erscheint es erstaunlich, dass trotz des hohen Grades an Religiosität in der Bevölkerung der Türkei einer konfessionslosen Hilfsorganisation (TRH) der Vorzug gewährt wird. Sicher spielen hier auch andere, in dieser Hausarbeit nicht behandelte Hintergründe wie die historische Entwicklung der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung und die relativ „jungen“ religiösen Hilfsorganisationen eine Rolle. Dennoch erlaubt ein Blick auf diese Zahlen einen positiven Rückschluss auf die Modernisierung in der Türkei und unterstreicht schlussendlich Inglehart, wonach die Akzeptanz der Trennung von Religion und Gesellschaft mit der Modernisierung der Gesellschaft einhergeht.[15]

5. Literaturverzeichnis

Die für die Hausarbeit geforderten vier Titel:

Ganapati, M. Emel (2008): Disaster Management Structure in Turkey: Away from a Reactive and Paternalistic Approach? In: Disaster management handbook. Hrsg. Pinkowski, Jack, Boca Raton: CRC Press, S. 281-317.

Gerhards, Jürgen (2005): Passt die Türkei kulturell zu Europa? „Kulturelle Überdehnung?“ – Kulturelle Unterschiede zwischen der EU und der Türkei. In: Der Bürger im Staat – Europa und die Türkei Ausgabe Heft 3/2005. Stuttgart: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, S. 112-117, online abrufbar unter http://www.buergerimstaat.de/3_05/tuerkei_eu.pdf, zuletzt abgerufen am 23.08.2012.
Heimgartner, Arno (2004): Ehrenamtliche bzw. freiwillige Arbeit in Einrichtungen sozialer Arbeit. Frankfurt am Main; New York: P. Lang.

Inglehart, Ronald (1997): Modernization and postmodernization. Cultural, economic, and political change in 43 societies. Princeton, N.J: Princeton University Press.

Weitere verwendete Quellen:

DRK – Das Jahrbuch 2011 – 365 Tage helfen, online abrufbar unter http://www.drk.de/fileadmin/Ueber_uns/Zahlen_Fakten/Jahresberichte/Jahrbuch_2011/DRK_Jahrbuch_2011.pdf, zuletzt abgerufen am 23.08.2012.
Grundgesetz Deutschland, online abrufbar unter http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/gg/gesamt.pdf, zuletzt abgerufen am 23.08.2012.
Jahresbericht Johanniter Unfallhilfe (2011), online abrufbar unter http://static2.johanniter.de/user_upload/Bilder/JUH/BG/Publikationen/Jahresbericht/P120262_JB_2011_120622_web.pdf, zuletzt abgerufen am 23.08.2012.
Webseiten:
(jeweils zuletzt abgerufen am 23.08.2012)




[1] Vgl. Gerhards, J. (2005), S. 112
[2] Vgl. Gerhards, J. (2005), S. 113
[4] Vgl. Grundgesetz Deutschland, Art. 30, 70, 73
[5] DRK – Das Jahrbuch 2011 – 365 Tage helfen, S. 48
[7] Vgl. Jahresbericht Johanniter Unfallhilfe (2011), S. 28
[9] Vgl. A new change in the disaster management structure of turkey (2009)
[10] Vgl. Ganapati, M. Emel, (2008) S. 293
[12] Es gestaltete sich außerordentlich schwierig, verlässliche Angaben über die Mitgliedszahlen zu recherchieren, da im Gegensatz zu Deutschland keine Jahresberichte o.ä. veröffentlicht werden. Nach Emailkontakt mit den oben genannten religiösen NGOs und dem DRK-Generalsekretariat sowie dem türkischen Roten Halbmond scheint die Anzahl der Helfer 50.000 bei keiner der Organisationen zu überschreiten. Im Falle der Ausarbeitung der Hausarbeit müssten diesbezügliche Recherchearbeiten weiter intensiviert werden.
[13] Heimgartner, A. (2004), S.12
[14] Vgl. Gerhards, J. (2005)
[15] Inglehart, R. (1997), S. 67-107

Dienstag, 31. Juli 2012

Mein lieber Gevatter Tod...

... gönne uns jetzt bitte eine Pause.


Montag, 11. Juni 2012

Trauer

Vor einem Jahr schrieb ich diese Kurzgeschichte zum Thema Trauer. Heute vor einem Jahr starb unsere Tochter bei der Geburt.

Damals sagte ein in Trauerarbeit erfahrener Kollege zu mir, dass er Trauer immer mit einem Ballon in einem Raum vergleicht. Am Anfang gigantisch groß, den gesamten Raum ausfüllend, mit der Zeit kleiner werdend - aber dennoch stets präsent.

Mein Kollege irrte in einem Punkt. Der Ballon wird nicht kleiner, er wechselt nur sein Volumen. Der Kern - die Trauer als solche - wird lediglich komprimiert, er wird nicht kleiner. Lediglich die Alltagspräsenz wechselt und naturgegeben ist sie in den letzten Tagen wesentlich höher als zu anderen Zeiten, dennoch ist die Trauer um den Verlust, das Gefühl, um einen Teil seines Lebens betrogen worden zu sein, stets allgegenwärtig und der Schmerz genauso intensiv wie vor einem Jahr.

Wir haben im vergangenen Jahr erlebt, was es heißt, ein "Sternenkind" zu haben. Auch wenn sicherlich gut gemeint, helfen Plattitüden wie "Der liebe Gott hat jetzt einen Engel mehr", "Wer weiß, wozu's gut war..." oder "Ihr habt sie ja nicht gekannt. Stellt euch vor, das wäre mit einem Jahr passiert" nicht im mindesten. Im Gegenteil, sie machen wütend und aggressiv.

Natürlich gab es auch die andere Seite. Wir haben von sehr vielen Menschen aufrichtiges und tief empfundenes Mitgefühl erfahren. Die Anteilnahme von Familie, Freunden und Bekannten sorgt noch heute für einen Klos im Hals. All denjenigen möchte ich danke sagen. Danke, dass ihr für uns da gewesen seid. Danke, dass ihr es noch immer seid.

Montag, 4. Juni 2012

Studium an der Fernuni Hagen


Seit Frühjahr bin ich an der Universität Hagen eingeschrieben für den Bachelorstudiengang Politikwissenschaften, Verwaltungswissenschaften und Soziologie. Ich habe bereits ein Fernstudium zum Fachwirt mit IHK-Abschluss absolviert. Damals war mir eines klar: Nie wieder ein Fernstudium! Die Erfahrungen mit der SGD waren, höflich ausgedrückt, durchwachsen. Studienbetreuung gleich null, didaktisch schlecht aufgearbeitete Skripte, inhaltliche Fehler, ob man die Einsendeaufgaben erledigt oder nicht interessierte schlussendlich niemanden. Es wurde zu keiner Zeit aktiv Kontakt zu den Studenten aufgenommen, der sog. Online-Campus war nicht wirklich moderiert und diente fast ausschließlich dem Kontakt zwischen den Studierenden. Die Prüfungsvorbereitung für den IHK-Abschluss waren durch die einzelnen Lernhefte in meinen Augen völlig unzureichend. Rund die Hälfte der Studienhefte sind noch heute unberührt - ich hatte mir entsprechende Fachliteratur, unter anderem direkt von der IHK besorgt. Die Prüfung selbst, auch wenn mit sehr hoher Durchfallquote - was in meinen Augen aber eher dem Klientel der "Studenten" geschuldet ist - ist offen gestanden streng dem ökonomischen Prinzip "minimaler Aufwand zum gewünschten Ergebnis" folgend möglich gewesen. Der Fachwirt schlug insgesamt inkl. IHK-Prüfungsgebühren mit etwa 4.000 € zu Buche. Zum Vergleich: Das erste Semester an der Fernuni kostete mich 170 €.
Dementsprechend vorbelastet sind meine ersten Eindrücke der Fernuni geprägt von sehr vielen positiven Überraschungen. Überwiegend sehr gute Skripte, eine aktive virtuelle Lernumgebung basierend auf moodle mit hervorragender mentorieller Betreuung. Professoren, die auf Anfragen zügig reagieren und die Diskussion mit den Studierenden nicht scheuen. Im Gegenteil, es werden Diskussionen zu den Inhalten der Skripte oder aktueller Themen proaktiv seitens der Fernuni angeregt und professionell moderiert - wenn auch nicht ganz der üblichen Internet-Kultur folgend recht steif im Sinne von "Sehr geehrte Studierende..."
Skripte stehen überwiegend zusätzlich in elektronischen Formaten zur Verfügung, die Nutzung von Tablets drängt sich geradezu auf. Online-Vorlesungen stehen zum Download bereit. Auch wenn die Fernuni hier meinem erachten nach nicht ganz auf dem Stand der aktuellen Technik ist - für die Video-Streams wird doch allen Ernstes der Real-Player benötigt - bin ich alles in allem sehr angetan. Mit ein wenig Einarbeitung kommt man mit der moodle-Plattform, der virtuellen Lernumgebung, der Prüfungsanmeldung, Seminarbuchung, Anmeldungen zu Präsenzseminaren usw. sehr gut klar. Die regionalen Studienzentren - hier in Baden-Württemberg in Stuttgart, Schwäbisch-Gmünd, Villingen-Schwenningen und Karlsruhe - bieten viele begleitende Angebote. Für meinen Studiengang zwar nicht ganz so viel, wie erhofft, jedoch stehen einem die Mitarbeiter der Studienzentren stets kompetent als Ansprechpartner zur Verfügung. Sei es in allgemeinen Fragen das Studium betreffend, sei es eine medientechnische Beratung, wenn es z.B. um die Einrichtung eines VPN-Client zur Nutzung der Universitätsbibliotheken geht oder durch einzelne Seminare wie die Grundlagen wissenschaftlicher Arbeit, Hausarbeitstutorien usw.
Die Skripte, die ich fürs erste Semester erhalten habe, machen tatsächlich Spaß. Am Anfang hat mich die schiere Informationsfülle und die universitäre, wissenschaftliche Sprache an meine Grenzen geführt. Viele Inhalte sind hochtheoretisch, aber gerade über solche Unklarheiten dann begleitend in der moodle-Umgebung mit Kommilitonen bzw. den Studienbetreuern zu diskutieren, bereitet einem sehr viel Freude beim Lernen. Man wird in die einzelnen Bereiche des Studiums eingeführt, wenn auch mit einem wesentlich höheren Anteil an Politikwissenschaften als an den Bereichen Verwaltung und Soziologie. Gerade aber letztgenannte Disziplin finde ich wider erwarten extrem interessant, muss man sich doch unter anderem mit klassischen Texten von Marx, Weber, Kant usw. beschäftigen. Interessant sind auch die "Klassiker" zu den Politikwissenschaften, angefangen von Aristoteles über Hobbes bis hin zu Trocqueville.
Bei der Recherche zu weiterer Literatur oder anderer Informationsquellen stolpert man über einige sehr interessante Dinge. scholar.google.com war mir bis dahin gänzlich unbekannt, iTunes-U ebenfalls. Vor allem von letzterem bin ich begeistert, stellen doch Universitäten weltweit Vorlesungen ein. So kam ich in unter anderem in den Genuss einer Vorlesung eines Professors in Yale zu den Begründern der modernen Soziologie. (Link) Sehr zu empfehlen!
Abschließen werde ich dieses Semester mit einer Hausarbeit. Für die Bearbeitung stehen einem als Teilzeitstudenten sechs Wochen zur Verfügung, Vollzeitstudenten - auch das ist an der Fernuni möglich - haben drei Wochen Zeit. Ich werde wohl sehr viel Zeit in Bibliotheken hier in Stuttgart verbringen, aber tatsächlich freue ich mich schon darauf.
Nun, das Sommersemester ist noch nicht einmal ansatzweise vorbei, die Hausarbeit noch nicht geschrieben und schon muss man sich für die Module im Wintersemester einschreiben. Auf der Agenda stehen ab Oktober dann:
- Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland
- Strukturwandel der Demokratietheorien
- Grundstrukturen der Politik in der EU
- Das politische System Deutschlands
- Einführung in die Verwaltungswissenschaft
- Haushalt und Finanzen
- Regierungsorganisation und politische Führung in der BRD
- Verwaltungs- und Haushaltsreformen

Workload von 18 SWS - nun denn, packen wir's an!