Donnerstag, 16. Dezember 2010

Ausländer raus!

Es war einmal – etwa drei Tage vor Weihnachten – spätabends. Über den Marktplatz der Stadt kamen ein paar Männer gezogen. Sie blieben an der Kirche stehen und sprühten auf die Mauer „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“. Steine flogen in den türkischen Dönerladen gegenüber der Kirche. Dann zog die Horde weiter. Gespenstische Ruhe. Die Gardinen an den Bürgerhäusern waren ganz schnell wieder zugezogen. Niemand hatte etwas gesehen.

„So, jetzt reicht es uns aber! Wir gehen!“ „Wo denkst du hin? Was willst du da unten im Süden? Da ist es für uns viel zu gefährlich!“ „Lieber zu Hause sterben als in diesem Land, wo wir gehasst werden, stets und ständig Angst haben. Wir tun jetzt, was da an der Wand steht: Ausländer raus!“

Und tatsächlich – mitten in der Nacht kam Bewegung in die Stadt. Die Türen in den Geschäften sprangen auf.

Zuerst kamen die Kakaopäckchen, die Schokoladen und Pralinen in ihren Weihnachtsverkleidungen. Sie machten sich auf den Weg in Richtung Elfenbeinküste und Ghana, wo sie zu Hause waren.

Dann der Kaffee, der Deutschen Lieblingsgetränk – säckeweise rollten sie nach Uganda, Kenia, Kolumbien und Guatemala, wo sie in der warmen Sonne herangereift waren.

Ananas und Bananen; ebenso Trauben und Erdbeeren aus Südafrika; fast alle Weihnachtsleckereien brachen auf und machten sich auf den Weg in ihre Herkunftsländer: Pfeffernüsse, Spekulatius und Zimtsterne zerfielen in sich, weil die Gewürze in ihrem Inneren sich herauslösten und nach Indien zurückkehrten.

Der Verkehr brach zusammen. Lange Schlangen japanischer Autos, voll gestopft mit Optik und Unterhaltungselektronik krochen der aufgehenden Sonne entgegen.

Am Himmel sah man Weihnachtsgänse gen Polen ziehen; auf ihrer Bahn gefolgt von feinen Seidenhemden und den herrlichen Teppichen des fernen Asien.

Mit Krachen lösten sich die Tropenhölzer aus den Möbeln und schwirrten in das Amazonasbecken.

Man musste sich höllisch vorsehen, um nicht auszurutschen, denn von überall her quoll Erdöl hervor; ihre Rinnsale bildeten Bäche und schwollen schließlich zu Strömen an, die in alle Himmelsrichtungen flossen. Dass sich sehr viele Straßen auflösten, weil sich der ausländische Asphalt zurückzog, fiel kaum auf, denn die Autos waren schnell wertlos geworden. Sie lösten sich in ihre Einzelteile auf. Das Aluminium wanderte nach Jamaica, das Kupfer nach Chile und Westafrika; ein Drittel der Eisenteile nach Brasilien. Das Naturkautschuk war zunächst verwirrt, denn seine Heimat Zaire hatte sich inzwischen einen neuen Namen gegeben und heißt jetzt Demokratische Republik Kongo.

Nach drei Tagen war der Spuk vorbei. Der Auszug war geschafft – gerade rechtzeitig zum Weihnachtsfest. Nichts Ausländisches gab es mehr in diesem Land. Doch Tannenbäume und Äpfel und Nüsse waren noch reichlich vorhanden. Mit Extragenehmigung durfte sogar noch „Stille Nacht“ gesungen werden, es kam immerhin aus Österreich.

Nur eines wollte nicht ins Bild passen: Maria und Josef mit ihrem Kind waren geblieben – ausgerechnet drei Juden. „Wir bleiben“, sagte Maria. „Wenn wir auch gehen – wer soll ihnen den Weg zurück zeigen, zurück zu Vernunft und Menschlichkeit?“

Autor unbekannt. Wer aber auch immer diese Weihnachtsgeschichte geschrieben hat, diesem Menschen gilt meine uneingeschränkte Hochachtung.
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Montag, 1. November 2010

Ratschläge

Mütter, Väter, Leidensgenossen aller Länder, vereinigt euch! Denn wer kennt sie nicht, die vermeintlich gut gemeinten, vor allem aber immer ungefragten Ratschläge von Eltern, Tanten, Onkeln, Freunden und wildfremden Personen?



"Hat der Kleine keine Mütze?" oder "Meinst nicht, dass es ein wenig kalt ist?" Alternativ hierzu die Steigerung, direkte Ansprache des wenige Monate alten Säuglings: "Du kleiner Fratz, hast Dir die Mama/der Papa denn keine Mütze aufgesetzt?" Man muss nicht mehrere Semester Kommunikationswissenschaft studiert haben, um die mehr oder weniger schlecht versteckten Vorwürfe herauszuhören, denn was will uns unser Gegenüber denn tatsächlich mitteilen? Langenscheidts "Besserwisser - Deutsch, Deutsch - Besserwisser" übersetzt das so: "Du Nichtsnutz von Mutter/Vater lässt Dein Kind erfrieren!"



Was entgegnet man in dem Wissen, dass man a) gerade aus dem warmen Auto kommt und die Mütze noch nicht aufgesetzt hat, b) der Kleine die Mütze eben selbst vom Kopf gezogen hat oder c) es 25 Grad im Schatten hat (alles erlebt!)? Jeglicher Versuch der Verteidigung käme einem Schuldeingeständnis gleich. Ein "kümmer Dich um Deinen eigenen Kram" wäre zweifelsohne ehrlich, aber unhöflich. Ich rate zur Schocktherapie: "Oh heilige Mutter Maria und Josef! Schnell, das Kind erfriert! Ruft einen Notarzt! Und die KSK und die GSG9, die uns unwürdige, verantwortungslose Eltern verhaften und im tiefsten Kufnukistan aussetzen, auf dass wir gesteinigt werden!" Ehrenwort, das hilft!



Gestern war ein Paradetag für gute Ratschläge. Junior passte in die Babyschale noch ungefähr so gut wie ich in einen Sitz einer German-Wings-Maschine. Kurzerhand wurde der Autositz in den Pampers-Boliden gebaut und es ging in den Wildpark nach Pforzheim. Junior findet das klasse, sieht er doch was von der Außenwelt. Mit freudigem Jauchzen macht er seiner Zufriedenheit Luft und döst kurze Zeit darauf seelig schlummernd ein. Im Wildpark die nächste Premiere. In Ermangelung der Babyschale, die sonst auf den Kinderwagen aufgeflanscht wurde (Achtung! Ratschlagalarm! "Das ist aber nicht gut für den Rücken, wenn er ständig..." Eine Ammenmär, wie uns der Kinderarzt versicherte), kam zum ersten Mal der Buggyaufsatz zum Einsatz. Zugegebenermaßen ist der Buggyaufsatz noch etwas groß, aber allemal bequemer als die Babyschale.



Im Park den Junior auf die Schultern gesetzt. Ich höre leise murmelnd ein : "... dafür ist er doch noch viel zu klein..." und nehme die panisch weit aufgerissenen Augen einer Verwandten kommentarlos zur Kenntnis. Als ich Junior in bewährter Manier - vielleicht auch etwas provokant - an den Hüften fasse, ihn elegant kopfüber nach vorne absetze, ihm lautstark einen Schmatzer auf den Bauch gebe und ihn nicht minder elegant mit einem halben geschraubten Salto vor meiner Brust auf dem Arm halte und er das mit einem lauten fröhlichen Glucksen und lachen quittiert, ihr ein "Oh Gott, ich dachte, Du lässt ihn fallen" entfährt, kam ich nicht umhin, folgendes trocken festzustellen: "Der Kleine hat mich bis jetzt überlebt. Er wird's auch weiterhin tun."



Nächste Etappe: Restaurant. Junior sitzt, übrigens auch zum ersten mal, im Hochstuhl. Missbilligende Blicke vom Nachbartisch, als er vergnüglich auf einer Gurkenscheibe herumkaut und ihm das eine oder andere Bröckchen aus dem Mund fällt. Einen Augenblick unaufmerksam, schon tönt es von einem Super-Nanny-Verschnitt: "Du, der Tisch ist doch pfui-bäh! Kriegst daheim nichts zu essen?" Junior meinte, er müsste die Konsistenz und den Geschmack der Tischplatte testen. Das trockene: "Der arme Bub sieht auch völlig verhungert aus und ich hab gehört, Dreck macht Speck" meinerseits brachte die Dame kurzzeitig zum Schweigen.



Zu Hause noch kurz ein Bild vom Kleinen, stolz in seinem neuen Autositz thronend, in Facebook eingestellt. Prompt bekam ich gut gemeinte, nicht böse gemeinte und auf gar keinen Fall besserwisserische (übrigens ungefragte) Ratschläge, wie gefährlich das sei...








Eine letzte Anmerkung: Liebe Leute, wir wissen, dass ihr alle das wirklich gut meint. Nehmt mir also die vorstehenden Zeilen nicht übel, versteht aber vielleicht, dass auch wir ansatzweise über etwas ähnliches wie einen gesunden Menschenverstand verfügen und uns das allmählich ein ganz klein wenig nervt.


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Montag, 20. September 2010

Google-Suchbegriffe

Es ist faszinierend, wenngleich auch völlig unverständlich, unter welchen Suchbegriffen dieser Blog gefunden wird. Werte Leser, ich präsentiere das Fundstück der Woche:

Donnerstag, 9. September 2010

S21

Die Extrasendung "Zur Sache Baden-Württemberg!" im Dritten. Eine alles in allem sehenswerte Diskussion.

Was hat dieser "runde Tisch" rein objektiv betrachtet aber tatsächlich gebracht?

Fazit: Die Gegner von S21 bleiben weiterhin Gegner. Die Befürworter lassen sich ebenfalls nicht umstimmen.

Welche weiteren Erkenntnisse habe ich für mich gewonnen?

Ich kann wenig über Tanja Gönner als Verkehrsministerin sagen, im direkten Rededuell geht sie allerdings unter, rhetorisch begabt ist sie nicht. Wäre ich nicht vom Projekt als solches ohnehin überzeugt - sie hätte es nicht geschafft, mich dafür einzunehmen. Sie war schlicht und ergreifend zu zickig. Und Ihre Visagistin gehört entlassen, das Make-Up unterstrich ihre mediale Inkompetenz noch sehr viel mehr.

Allerdings hat sie eine beeindruckende Aussage getroffen: Die CDU steht zu diesem Projekt, auch wenn es bedeuten sollte, im nächsten Jahr bei der Landtagswahl hierfür abgestraft zu werden. Die Grünen haben bewiesen, dass es ihnen um reinen Wahlkampfpopulismus geht, denn versprechen, dass S21 gestoppt werden würde, konnte Winfried Hermann gestern Abend nicht. Das heißt im Klartext, dass sich die Grünen der Realitäten durchaus bewusst sind.

Wer in meinen Augen eine "ganz arme Sau" ist: Wolfgang Drexler. Hätte mir jemand gesagt, ich würde einmal mit einem SPD-Politiker Mitleid haben, den hätte ich zumindest ausgelacht. Dennoch: Seine Partei wankt, versucht vorsichtig auf die Wahlkampfwelle aufzusteigen, er jedoch muss auf Biegen und Brechen zu dem Projekt stehen und es verteidigen.

Die Gegner hingegen geben sich mit dem extrem populistischen Auftreten, wie es die Dame zeigte, welche unter Tränen die Rechtsstaatlichkeit in Zweifel zog und vor hat, auf den Staat zu sch***n; der Regierung unterstellte, die Polizisten gezielt Demonstranten verprügeln zu lassen, selbst der Lächerlichkeit preis. Wen wundert es da noch, dass diejenigen, die sich wirklich differenziert mit der Materie beschäftigen, die Vernünftigen wie Walter Sittler nicht weiter ernst genommen werden, dass sie zwangsläufig mit solchen Gestalten in eine Schublade gesteckt werden?

Ich habe vor zwei Wochen am Bauzaun des Nordflügels dieses Foto gemacht:


Wer sich einer solch billigen Polemik bedient, kann nicht wirklich erwarten, ernst genommen zu werden. Ein anderes Plakat bezeichnete den Bahnhof als "Platz des himmlischen Friedens II" und derlei Geschmacklosigkeiten mehr. Beim grundgesetzlich verbrieften Recht zur Demonstration: Das geht in meinen Augen zu weit. Politische Bildung, wo bist Du? Und wieder kommt mir Heine in den Sinn: "Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht..."

Donnerstag, 10. Juni 2010

Nationalstolz?

Der Countdown läuft, die WM steht vor der Tür. Wohin man auch blickt, überall flattern einem schwarz-rot-goldene Fähnchen entgegnen. Die chinesischen Fahnenhersteller reiben sich bei soviel Patriotismus die Hände, der genervte Berufspendler auf der Autobahn möchte ausrasten, wenn er bei Tempo 130  zum zweiten mal innerhalb weniger Tage einem losgerissenen tieffliegenden Fähnchen ausweichen muss und vor Schreck beinahe das Auto in die Leitplanke setzt.

Warum muss man sein Auto mit einer Fahne verunstalten? Man stelle sich vor, Entwicklungsingenieure aller Automarken geben sich Mühe, tüfteln im Windkanal an Modellen herum, um einen möglichst geringen Windwiderstandskoeffizienten zu entwickeln, um die Fahrzeuge immer aerodynamischer zu machen. Und was macht der Deutsche? Den cw-Wert und damit seinen Spritverbrauch erhöhen und mit schwarz-rot-goldenen Wurfgeschossen seine Umwelt nerven!

Solange man damit seine Verbundenheit mit der deutschen Nationalelf ausdrücken will, finde ich das vom Prinzip her noch in Ordnung. Ich werde die Spiele mit deutscher Beteiligung natürlich auch anschauen. Dennoch bin ich mir ziemlich sicher, dass sich die spielerischen Leistungen der Mannschaft relativ unbeeindruckt von der Tatsache zeigen, dass hier Millionen für Fahnen ausgegeben werden. Oder verschießt Podolski jetzt einen Elfer, weil ich mir das Geld für ein schwarz-rot-goldenes Tuchprodukt gespart habe?

Als Ausdruck der Verbundenheit zu seiner ethnischen Gruppe lasse ich die Fahnenschwingerei ja auch noch gelten. Das Bier aus dem Plastikbecher beim Puplic Viewing schmeckt allemal besser, wenn man uniform zur breiten Masse ein schwarz-rot-goldenes Accesoir trägt. Schon jetzt drängt sich mir ein Schmunzeln auf die Lippen, wenn die Herde traditionell bei der Mannschaftsaufstellung im Chor typisch deutsche Namen wie Tasci, Cacau, Boateng, Khedira und Özil blökt.

Allerdings mehren sich schon jetzt, wie auch bereits 2006 die Stimmen, dass es doch schön sei, dass die Deutschen endlich wieder Nationalstolz zeigen. Man kann stolz darauf sein, Deutscher zu sein! Der wiedererwachende Nationalstolz tue unserem Land gut! Böse Zungen behaupten ja bereits, dass durch die WM-Euphorie die Kritik und das Interesse an den politischen Problemen ins Hintertreffen geraten werden...

Hinterfragt man aber diesen Nationalstolz genauer, bekommt man zu hören, dass Deutschland schließlich das Land der Dichter und Denker sei. Wir haben das Auto erfunden! Wir sind Exportweltmeister. Und Papst! Und seit neuestem sind wir auch noch European Song Contest! Es gäbe also jede menge Gründe, stolz auf sein Land zu sein. Außerdem wären das die Amerikaner ja auch. Und die Italiener, die Türken... Die Antwort, dass ich deren Nationalstolz ebenso als Ursache vielen Übels sehe, verwirrt dann so einige...

Ich möchte an dieser Stelle mal kurz meinen Lieblingsphilosophen zitieren:

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.

-Arthur Schopenhauer-


Ich für meinen Teil habe nichts gegen Deutschland. Im Gegenteil, ich bin froh und glücklich in diesem Land leben zu dürfen, in Demut danke ich dem Schicksal, dass ich nicht irgendwo in Afrika zur Welt kam. Ich fühle mich hier wohl, trotz Sparpaketen und anderem Unbill bin ich davon überzeugt, dass es uns besser geht als 90% der Weltbevölkerung. Aber wie kann ich stolz auf ein Land sein? Auf ein Konstrukt? Auf ein paar Linien auf der Landkarte? Wie kann ich stolz auf wissenschaftliche, gesellschaftliche oder kulturelle Errungenschaften sein, zu denen ich nichts beigetragen habe? Das Land der Dichter und der Denker wäre Deutschland auch ohne mich. Und im Regelfall sicherlich auch ohne den größten Teil der nationalstolzen Deutschen... Natürlich trage ich meinen Teil zur Gesellschaft bei, aber erstens ist es mir zu philosophisch betrachtet, zu einem 84millionstel an etwas teilzuhaben, um darauf stolz sein zu können, zweitens würde ich das auch in jedem anderen Land tun.

Nationalstolz erhebt einen über andere Menschen, in dem man sich selbst und das eigene Land über andere stellt, für besser hält. Mit welchem Recht kann ich von mir behaupten, besser zu sein als ein Franzose, Italiener, Türke, Afrikaner oder Iraki? Mit keinem.

Stolz bin ich auf Dinge, die ich mit eigener Hände Arbeit geschaffen habe. Stolz auf das familiär, gesellschaftlich und beruflich erreichte. Aber bin ich stolz, Deutscher zu sein? Nein. Bevor ich Deutscher bin, bin ich in aller erster Linie ein Mensch.