Dienstag, 30. September 2025

Zeitenwende

Zeitenwende? In den Kreisen jedenfalls nicht.


Liebe Landräte, liebe Bürgermeister – halten wir die Zusagen der Zeitenwende auch vor Ort?

Am vergangenen Wochenende habe ich bei der Verbandstagung des Landesfeuerwehrverbands Baden-Württemberg mit mehreren Kreisbrandmeistern gesprochen. Was sie berichteten, war erschreckend:

👉 Haushaltslagen in den Kreisen katastrophal
👉 Investitionen eingefroren
👉 Lieferantenverträge gekündigt
👉 zugesagte Beschaffungen gestoppt

Der Wahnwitz an der Sache: Der Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) ist in aller Munde und beschreibt ausdrücklich eine gesamtstaatliche, gesamtgesellschaftliche Verteidigungsbereitschaft – inklusive Schutz kritischer ziviler Infrastrukturen und enger Verzahnung von Militär und zivilen Behörden [1].

Doch wie ernst nehmen wir diese Verantwortung? Das Ahrtal hat gezeigt, was passiert, wenn ein Landrat seiner Verantwortung nicht gerecht wird [5]. Ich habe so meine Zweifel, dass sich Verantwortliche künftig mit „Aber der Haushalt…“ herausreden können.

Verantwortung beginnt nicht in Sonntagsreden, sondern in den Entscheidungen der Haushaltsausschüsse.

Klar, der Druck auf die kommunalen Haushalte steigt: 2024 schloss mit dem bis dato größten Defizit ab (≈ 25 Mrd. €); die Spitzenverbände sprechen von einer dramatischen Lage für 2025 [2].

Ja, der Bund stockt den Zivil- und Bevölkerungsschutz auf – für 2025 sind rund 1,4 Mrd. € vorgesehen [3]. Doch: Kommt davon genug im Kreis an, oder bleibt der Effekt im System stecken?

Vor diesem Hintergrund die offene Frage an die Verantwortlichen: Ist unsere Priorisierung richtig? Wir debattieren Milliarden-Sondervermögen und verteidigungspolitische Großprojekte – aber auf Kreisebene werden Schutzstrukturen zu Gunsten anderer „wichtigerer“ Projekte ausgedünnt. By the way: Was ist wichtiger als der Schutz der Bevölkerung?

Daher muss die Frage erlaubt sein: Wird das Sondervermögen zur sichtbaren Stärkung der Resilienz vor Ort – oder bleibt es ein zahnloser Papiertiger mit Null-Impact in Kommunen und Landkreisen [4]?

„No glory in prevention“ gilt offensichtlich weiter. Wir haben nichts dazugelernt.

Die Feuerwehrverbände und Hilfsorganisationen im Katastrophenschutz sind sich einig. Benötigt werden für die kommenden Herausforderungen:

🔥 Personal
🔥 Schulung/Training
🔥 Ausstattung
🔥 Digitalisierungsstrategien
🔥 Rechtliche Rahmenbedingungen und finanzielle Ausstattung zur Ermöglichung des Schutzauftrags
🔥…

Das sind keine Wunschlisten, sondern Kern staatlicher Daseinsvorsorge – und sie entscheiden, ob OPLAN-Anforderungen im Ernstfall tragfähig sind [1].

Die Frage ist nicht, ob eine Lage kommt, deren man mit den vorhandenen Mitteln und Strukturen nicht Herr werden kann. Sondern wann – und ob wir dann vorbereitet sind.

Es scheint sich aber ebenfalls wieder zu bewahrheiten: Mit Investitionen in den Bevölkerungsschutz gewinnt man keine Wählerstimmen.



Quellenangaben:

[1] Bundeswehr – Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU), offizielles Booklet (PDF): https://www.bundeswehr.de/resource/blob/5920008/5eb62255741addec3f38d49a443d0282/booklet-operationsplan-deutschland-data.pdf

[2] Deutscher Städte- und Gemeindebund – Kommunaler Finanzreport 2025 (Defizit 2024 ≈ 24,8 Mrd. €), PDF: https://www.dstgb.de/themen/finanzen/aktuelles/statement-von-dstgb-praesident-ralph-spiegler-vom-30-juli-1/finanzreport2025-final.pdf
Deutscher Landkreistag – Finanzprognose 2025: Kommunalhaushalte kollabieren (Pressemitteilung): https://www.landkreistag.de/presseforum/pressemitteilungen/3470-finanzprognose-2025-kommunalhaushalte-kollabieren

[3] Bundesministerium des Innern – Pressemitteilung zum Regierungsentwurf Bundeshaushalt 2025 (Stärkung BBK/Binnere Sicherheit): https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2025/06/HH-2025.html
Bundesministerium der Finanzen – Überblick Bundeshaushalt 2025: https://www.bundesfinanzministerium.de/Web/DE/Themen/Oeffentliche_Finanzen/Bundeshaushalt/Bundeshaushalt-2025/bundeshaushalt-2025.html
(Ergänzend) BBK – PM „Regierungsentwurf Bundeshaushalt 2025: Ein deutliches Signal…“: https://www.bbk.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/07/pm-07-signal-starker-bevoelkerungsschutz.html

[4] Deutschlandfunk – Hintergrund/Überblick zu Sondervermögen (Bundeswehr u. a.), Einordnung und Kritik: https://www.deutschlandfunk.de/deutschland-bundeswehr-infrastruktur-schuldenbremse-sondervermoegen-102.html

[5] ZDFheute – Flutkatastrophe Ahrtal: Schwere Vorwürfe gegen Ex-Landrat Pföhler (Disziplinarbericht, „gravierende Pflichtverstöße“): https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/flutkatastrophe-ahrtal-landrat-juergen-pfoehler-rheinland-pfalz-100.html

Mittwoch, 20. August 2025

Satellitenkommunikation

Satellitenkommunikation für die Feuerwehren in Baden-Württemberg 🚒🛰️Der große Wurf oder verpasste Chance?

Ja, Baden-Württemberg beschafft jetzt Satellitentechnik für die Feuerwehr. Gut so! Wir haben dieses Jahr einen flächendeckenden Ausfall des Tetra-Digitalfunks erlebt. Kommunikation geht über alles und muss Rückfallebenen haben. Aber: Nach Rückfrage bei Abel & Käufl ist klar – das System dient der Sprach-Redundanz.

Es geht in die richtige Richtung, aber es ist leider nur ein halber Schritt:

Wir reden 2025 über Digitalisierung, KI, Echtzeit-Lagebilder, OPLAN Deutschland, Vernetzung aller Akteure – und bauen gleichzeitig ein Satellitenkommunikationssystem für Feuerwehren, das nur „sprechen“ aber keine Daten kann.

Damit bleibt meiner Ansicht nach der entscheidende Mehrwert auf der Strecke:
➡️ Satellit als unabhängiger Datenkanal jenseits von Internet & Mobilfunk
➡️ Sichere Übertragung von Lageinformationen, Sensordaten usw.
➡️ Resiliente Datenkommunikation auch bei Netzausfällen

Sprachfunk ist wichtig und Tetra offensichtlich nicht ausfallsicher. Aber wenn wir den Bevölkerungsschutz wirklich robust machen wollen, reicht es nicht, alte Konzepte einfach ins All zu verlängern.

Der große Wurf wäre: Satellit als Rückgrat der digitalen BOS-Resilienz - sowohl Sprach- als auch Datenkommunikation.

Pressemitteilung Baden-Württemberg:

Freitag, 8. August 2025

WACKEN

W:O:A 2025 - ich war beruflich dort 🤘🎸🚒

Zwei Tage war ich zu Gast in der Technischen Einsatzleitung (TEL) und der Örtlichen Einsatzleitung (ÖEL) beim Wacken Open Air 2025.

🤘 85.000 Metalheads
🤘5.000+ Kräfte von Feuerwehr, Rettungs- und Sanitätsdienst, Polizei, Ordnungsbehörden und Security
🤘110.000 Menschen auf dem Gelände – eine infrastrukturelle & logistische Meisterleistung
🤘 Viel Regen, noch mehr Schlamm und der Spirit von Faster, Harder, Louder!

Vor Ort wird BOS-seitig mit unserer Software metropoly BOS gearbeitet. Die ÖEL/TEL setzt das System seit Jahren zur übergeordneten Führung und Dokumentation ein, voll vernetzt mit der kooperativen Regionalleitstelle West in Elmshorn, Feuerwehr, Rettungsdienst, Ordnungsamt, Polizei und Veranstalter.

Meine Mission: Nicht Support. Das System lief stabil. Die Abläufe saßen. Ich wollte sehen, wie metropoly BOS in einer derart großen, geplanten Lage funktioniert – fernab der ad-hoc-Lagen, die ich aus meinem Landkreis kenne.

Ich konnte viele Gespräche führen – mit Usern, mit Vertretern aus Politik und Verwaltung, z.B. den Landräten aus Steinburg und Dithmarschen sowie haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern aus verschiedenen Ebenen der Kreise, in denen metropoly BOS fest im Krisenmanagement verankert ist, z.B. aus Pinneberg.

Das Feedback: grundsätzlich positiv, offen, konkret und konstruktiv. Was gut läuft. Was verbessert werden kann. Was im Alltag wirklich zählt. Im Fokus die Frage: Wie gelingt Komplexitätsreduktion bei wachsender Datenflut? Wie stellen wir Informationen kontextsensitiv bereit – für jede Ebene verständlich, direkt, sicher?

Kein Marketing. Keine Filter. Sondern echtes Feedback aus der Einsatzpraxis. Genau deshalb war ich da. Nicht als Vertriebsmaßnahme sondern als Teil gelebter Produktverantwortung zur kontinuierlichen Verbesserung und Weiterentwicklung.

Mein Dank gilt den Kollegen in der TEL und ÖEL für das Vertrauen, die Offenheit und die Einladung zur Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Wacken war laut. Aber der Dialog war klar.

See you next year in Wacken, rain or shine 🎸🤘 W:O:A 2026, count me in!



Übrigens - Der Redakteur der lokalen Presse fragte mich, wie es eigentlich ist, wenn man arbeitet, wo alle anderen feiern. Herausgekommen ist dieser Artikel.
Quelle: Vaihinger Kreiszeitung, 08.08.2025













Ein paar weitere Impressionen: 





Montag, 2. Juni 2025

Beruf und Ehrenamt

Aus dem Homeoffice zur Führungsgruppe alarmiert zu werden, um nach einer Softwarepräsentation mit dem passenden Geobyte-Shirt im ELW den Einsatz mit metropolyBOS zu begleiten: Unbezahlbar! 😉


Ich mag diese enge Verzahnung zwischen Ehrenamt und Beruf. Wenn Software-Entwicklung auf Einsatzpraxis trifft und man das eigene Produkt dort einsetzen darf, wo es wirklich um etwas geht – dann weiß man, warum man in und für genau diese Branche arbeitet. 💻🚒

Das motiviert mich – Tag für Tag, ob im Büro, auf Messen und Veranstaltungen, im Einsatzfahrzeug, in der Führungsgruppe oder im Stab.

Donnerstag, 29. Mai 2025

KI in der Gefahrenabwehr

KI in der Gefahrenabwehr – zwischen strategischer Vision und operativer Realität

Auf der diesjährigen Jahresfachtagung der vfdb e.V. hatte ich die Gelegenheit, mit Prof. Dr. Olaf Grebner (mobilion.eu) über seinen „KI-Masterplan für Deutschlands Feuerwehren“ zu sprechen.

Das vorgestellte Plakat strukturiert über 80 potenzielle KI-Anwendungsfälle entlang der gesamten BOS-Prozesskette – von der Notrufannahme bis zur Nachbereitung.

Im Zentrum stehen Visionen einer KI-gestützten Gefahrenabwehr: automatisierte Lagebilder, dynamische Ressourcenprognosen, sprachanalytisch vorqualifizierte Notrufe, lernende Trainingssysteme.

Die Liste ist ambitioniert – mit vielen Ansätzen, die sich derzeit eher auf einem konzeptionellen als auf einem operativen Reifegrad befinden.

„KI ist das neue ‚Digitalisierung‘“, formuliert es Grebner treffend.

Denn was als innovationsgetriebene Zielbildentwicklung angelegt ist, bewegt sich vielfach im Bereich dessen, was Gartner im sog. Hype Cycle als „Peak of Inflated Expectations“ beschreibt (https://www.gartner.de/de/artikel/hype-cycle-fuer-kuenstliche-intelligenz): hohe Erwartungshaltungen bei gleichzeitig begrenzter Umsetzbarkeit.

Besonders sichtbar wird das im Cluster „Stabsarbeit & Lagenanalyse“. Die dort skizzierten Szenarien umfassen: 

➡️ automatisierte Lagedarstellung
➡️ KI-gestützte Kollaboration im Stab
➡️ Identifikation kritischer Entwicklungen (Sensemaking)
➡️ systemische Lageprognosen
➡️ Erkennung von Fehlinformationen

Die zugrundeliegenden Probleme sind real – aber die Lösung durch KI ist komplex. Denn:
1️⃣ Stäbe arbeiten in hochdynamischen Kontexten mit unsicheren und teils analogen Daten.
2️⃣ Lagen sind unikale Ereignisse – Trainingsdaten für KI sind kaum standardisierbar.
3️⃣ Gruppendynamik, Erfahrungswissen und implizite Entscheidungen dominieren die Stabsarbeit.
4️⃣ Verantwortungsketten sind nicht delegierbar – auch nicht an Algorithmen.

Kurz: Die technische Machbarkeit muss stets im Einklang mit organisationeller, rechtlicher und kultureller Realisierbarkeit gedacht werden.

Grebners Plakat liefert damit keinen Produktkatalog, sondern einen strukturierten Diskursraum für Innovationsstrateg:innen, Entwickler:innen und BOS-Entscheider:innen. Es zeigt: Die Richtung stimmt. Aber der Weg ist noch weit – besonders im Bereich Stabsarbeit.