Sonntag, 20. Juli 2014

Soziales Kapital und Ehrenamt

"Unter soziales Kapital fassen wir verschiedene Arten sozialer Beziehungen aus Familie, Freundschaften, aber auch die Unterstützungsressourcen, die mobilisiert werden können über diese Beziehungen. Wir fassen darunter aber auch Engagement in Vereinen als ehrenamtliches Engagement."
(...) Zum Beispiel findet sich bürgerschaftliches Engagement eher in den höheren Schichten, auch wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, dass ehrenamtliche oder politische Aktivitäten gerade bei Jobverlust neue soziale Anerkennung verschaffen könnten. Janina Zeh über ihr Forschungsprojekt "Engagement in prekären Erwerbsverläufen":
"Das ist die These, die wir verfolgen, dass diejenigen, die dazu angehalten werden, sich ehrenamtlich zu engagieren, die sind die, die das mit einer viel geringeren Wahrscheinlichkeit da reinkommen, weil Ehrenamt auch ungleich verteilt ist."

Liegt hier Ursache und Lösung des Problems der rückläufigen Zahlen engagementwilliger Mitbürger/innen? Solange Vereine, Verbände, Parteien usw. dogmatisch das Wort "Ehrenamtlichkeit", das es in diesem Wortsinn nur im Deutschen gibt (vgl. "volunteering" im englischen Sprachraum), wie ein Schutzschild vor sich hertragen und in Anlehnung an das heutzutage beinahe altertümlich anmutende Wertemodell von ehrenamtlicher Tätigkeit als freiwillige und gänzlich unentgeltliche Tätigkeit sehen und Engagierte allenfalls durch (pauschalen) Auslagenersatz entschädigt werden, werden der obigen These folgend zumindest nur wenige Mitbürger in prekären Erwerbsverhältnissen Zugang zur Ehrenamtlichkeit finden. 

Alles, was vielleicht getan werden könnte, um Abhilfe zu schaffen, um das angestaubte Image von klassischem ehrenamtlichen Engagement aufzupolieren, scheint auf den Widerstand örtlicher Traditionswächter zu stoßen, die sich einbilden, sie würden alle Antworten kennen. Schließlich arbeiten sie ja auch ehrenamtlich. Aus purer Nächstenliebe. 

Dem wage ich zu widersprechen, es gibt keinen reinen Altruismus. Ein jeder zieht etwas für sich selbst aus der Tätigkeit - und wenn es nur das gute Gefühl ist, etwas gutes zu tun, die Tätigkeit Spaß und Freude bringt. Oder aber - und das dürfte wohl vielfach der Hauptgrund sein - die Vergrößerung des eigenen sozialen Netzwerks und bei manch einem die Steigerung des Sozialprestiges. 

Die meisten Motivationsfaktoren, die zu ehrenamtlicher Betätigung führen, sind meiner Ansicht nach völlig legitim. Warum also nicht auch endlich der Tabubruch? Warum nicht endlich auch über die Monetarisierung der Tätigkeit jenseits der "Übungsleiterfreipauschale" diskutieren?

Die Zeit für ein Umdenken ist reif. 

Mittwoch, 9. Juli 2014

Rezension: Frank Schätzing - Breaking News

Unter dem Eindruck der in den letzten Tagen zunehmenden Angriffe gegen Israel von Seiten Palästinas und der israelischen Vergeltung und gezielten Ausschaltung von Hamas-Terroristen habe ich "Breaking News" geradezu verschlungen. Das Buch trifft den Zeitgeist und ist aktueller denn je.

Handlung

Zunächst ist man überrascht, dass das erste Kapitel nicht in Israel sondern im Afghanistan des Jahres 2008 beginnt. Der Leser schaut dem Top-Kriegsberichtserstatter eines Hamburger Nachrichtenmagazins Tom Hagen über die Schulter, schmunzelt über seinen unverfrorenen Umgang mit den Militärs der ISAF-Truppen, fiebert mit dem Protagonisten mit, als dieser in heroischer Thriller-Manier versucht, eine Entführung aufzuklären und zu einem glücklichen Abschluss zu bringen und wird mit Tempo 180 gegen die Wand gefahren, als die gesamte Szenerie plötzlich völlig aus den Fugen gerät und die Welt von Hagen völlig zusammenbricht. Wer nun aber einen soliden Thriller erwartet, der irrt.

Schätzing irritiert seine Leserschaft durch eine Rückblende ins Jahr 1929. An Zeitsprünge muss sich der Leser gewöhnen, etabliert der Autor hier doch einen zweiten Handlungsstrang. Wir lernen die Gebrüder Yehuda und Benjamin Kahn kennen - beide eben erst im späteren Israel eingewandert. Sie finden im Land alteingesessene Araber vor, die Angst haben, von der zunehmenden Einwanderungswelle von Juden aus aller Welt vertrieben zu werden, eine heillos überforderte und gleichzeitig gleichgültige britische Kolonialverwaltung und beständig wird der Leser mit Gewalt und Terrorismus konfrontiert. Dieser zweite Strang in Schätzings Roman ist eine Art jüdische Familiensaga, die sich bis in die Gegenwart des Buches im Jahr 2011 fortsetzen wird. Yehuda und Benjamin - beides fiktive Figuren - finden in einem gewissen Arik Scheiermann einen Spielkameraden und Freund, der später als Ariel Scharon bekannt werden und über lange Zeit die Geschicke Israels maßgeblich prägen wird.

Während Tom Hagen in der Handlungsebene der Gegenwart völlig abstürzt, ein posttraumatisches Belastungssyndrom ebenso wie Alkoholismus überwinden muss und nur noch als drittklassisger Journalist für ein kleines Onlinejournal schreibt - mit eher mäßigem Erfolg - führt Schätzing den Leser in der zweiten Ebene mit großen Zeitsprüngen durch die Geschichte Israels. Von der Balfour-Deklaration geht es im Schweinsgalopp zur Staatsgründung Israels, den 6-Tage-Krieg bis hin in die Gegenwart. Arik Scharons Karriere im Militär - vielmehr sein militärisches Genie wird sehr raumnehmend ausgearbeitet, flankiert durch die Erzählung der Familiengeschichte der Kahns. Von hoffnungsvollen Siedlern, die immer wieder Rückschläge hinnehmen müssen und vom Leben im ständigen Konflikt. 

Der Autor schafft es, für beide Seiten - die arabische Welt und Israel - Verständnis zu wecken. Freundschaftliche Bande zwischen Juden und Palästinensern gehören ebenso zum Alltag wie die ständige politische Auseinandersetzung zwischen Fundamentalisten, linken und rechten politischen Lagern und dem Durchschnittsbürger irgendwo dazwischen, der eigentlich nur das beste für sich und seine Familie erreichen und in Frieden leben will. 

Schätzing begibt sich auf hochbrisantes Terrain, in dem er sich ausgerechnet eine der umstrittensten Figuren der israelischen Geschichte ausgesucht hat. Ariel Scharon, bisweilen unmenschlich brutal, loyal zu seinen Idealen bis zur Selbstaufgabe, dargestellt als disziplinierter Soldat, als militärischer Stratege, als Schlächter von Zivilisten, aber auch Wegbereiter eines möglichen Friedens durch Aufgabe der Siedlungsgebiete und in zunehmendem Alter von einer einsichtigen Weisheit geprägt, die so gar nicht zu seinem Lebenslauf passen will. In all diese historischen Gegebenheiten sind die Nachkommen der Familie Kahn mit ihren persönlichen Schicksalen verstrickt. 

Tom Hagen stolpert währenddessen unversehens in eine Verschwörung mit Potenzial, einen dritten Weltkrieg auszulösen. Er ist beständig auf der Flucht, er wird gejagt, man trachtet ihm nach dem Leben, um an brisantes Material zu kommen, das ihm zugespielt wurde und lange Zeit ist unklar, wer die wirklich "Bösen" in dieser Geschichte sind.

Fazit

Schätzings Roman ist eine Mischung aus Familien-Epos, Polit-Thriller und Geschichtsdokumentation. Nicht immer gelingt es dem Autor, eine gesunde Balance zwischen den Elementen zu finden. Er überfordert den Leser regelmäßig mit wilden Sprüngen zwischen den Handlungsebenen, die zu guter letzt natürlich zusammenführen.  Dieses knapp 1000 Seiten umfassende Buch ist keine "leichte Kost" für nebenher, man muss hochkonzentriert dem Plot folgen. Bei seinen Ausflügen in die Geschichte ist er zunächst um Ausgleich, geradezu um "political correctness" bemüht, die Charaktere werden teilweise sehr überzeichnet dargestellt und so manch Dialog zwischen den Figuren erinnert einen dann doch eher an einen Monolog eines Professors im Hörsaal für die Geschichte des nahen und mittleren Ostens. Die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verschwimmen und sind für den Leser nicht klar erkennbar. Insgesamt aber schafft er es durchaus, eine Erklärung für die heutige politische Großwetterlage zu finden, die meiner Meinung nach der Realität entspricht. Der Autor macht im Verlauf des Buches aus seiner pro-israelischen Einstellung keinen Hehl mehr, geht allerdings mit religiösen Hardlinern auf allen Seiten hart ins Gericht. Sowohl die fundamentalistischen Kräfte im Islam als auch im Judentum werden abgeurteilt, ebenso die Christen, die 1982 das Massaker in den Beiruter Flüchtlingslagern zu verantworten haben. Diese Greueltat wird sehr plastisch beschrieben und dem Leser bleibt nur ein schaler Geschmack im Mund und der Zustand absoluter Fassungslosigkeit übrig.

Schätzing bewältigt aber dennoch den Spagat, die absolute Sinnlosigkeit der Gewaltspirale auf der einen und der ebenso absoluten Alternativlosigkeit auf der anderen Seite darzustellen, den anklagenden Finger zwar mehr auf die Seite der Palästinenser richtend, aber auch durchaus kritisch mit der Verteidigungspolitik Israels. Schmerzlich vermisse ich allerdings neben der Charakterstudie Ariel Scharons eine Entsprechung auf der Gegenseite. Die historische Rolle Jassir Arafats hätte in diesem Gesamtzusammenhang eine nähere Betrachtung verdient, auch wenn der Autor dennoch versucht, die Legitimität der arabischen Sache darzustellen.

Für die Thrillerelemente sorgt die Handlungsebene um Tom Hagen. Hier wird nach Herzenslust verfolgt, geschossen, gejagt, gefoltert, gemordet, geflohen, gestohlen, betrogen und gelogen. Um die Spannung nicht vor der Lektüre des Buches zu nehmen, gehe ich an dieser Stelle auf den Handlungsstrang und die den Roman bestimmende fiktive Verschwörung nicht weiter ein. Nur so viel: Es geht rasant zu. So rasant, dass die Figur Tom Hagens oftmals etwas an Glaubwürdigkeit verliert. Es fällt dem Leser oftmals schwer, sich mit ihm völlig zu identifizieren. Dennoch rundet dieser Strang das Gesamtwerk Schätzings gut ab.

Breaking-News ist, wie bereits erwähnt, nichts für Leser, die leichte Kost bevorzugen. Man muss eine Affinität zu Geschichte und Politik haben, man muss bereit sein, die eigenen Wertevorstellungen zu hinterfragen - reine Thriller- und Krimileser kommen hier nicht auf ihre Kosten. Dennoch bekommt das Buch von mir klare vier von fünf Eselsohren.

Mittwoch, 7. Mai 2014

Jebsen - der Bewahrer der Wahrheit und Beschützer der Witwen und Waisen

In schlimmen Zeiten leben wir. Wenn man Ken Jebsen glauben schenken mag, leben wir in einem Zeitalter der Entdemokratisierung, wir werden manipuliert. In diesem Youtube-Video polemisiert Jebsen in seiner unnachahmlichen Art und Weise über die derzeitige Ukraine-Krise. Gleich zu Beginn schenkt er uns reinen Wein ein, denn "die Wahrheit steht auf jeden Fall nicht in unseren Medien", weiß er zu berichten. Es gehe natürlich um Gas- und Schürfrechte, um die russische und amerikanische Firmen konkurrieren. Daher brauchen wir ein neues Feindbild. Wörtlich: "In den letzten Jahren war der Russe für uns kein großes Thema. Da war der Aggressor der Moslem. Auch dort ging es natürlich um Öl und Gas. Und jetzt haben wir die Moslems so ein bisschen im Griff und jetzt ist vorübergehend Putin an der Reihe."

Jebsen mimt den intellektuellen Aussteiger aus der Mainstreampresse, den Bewahrer der Wahrheit und ruft zum "nachdenKEN" auf. Das Wortspiel mit seinem Vornamen entlarvt den Selbstdarsteller, der es auf perfide Art und Weise schafft, Anhänger zu gewinnen. Geschickt verknüpft er krude Thesen mit Halbwahrheiten und Fakten, sodass schlussendlich ein Brei herauskommt, der einem durchaus plausibel erscheinen kann. Beispiele? Wahr ist, dass die Proteste in der Ukraine mit der Ablehnung des Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union begannen. Ohne Quellen zu benennen führt Jebsen aus, dass die EU der Ukraine 600 Millionen Dollar bieten würde, die Russische Föderation habe 25 Milliarden Doller. "Und dann hat sich das die Ukraine noch einmal überlegt", so Jebsen. So plausibel das im ersten Moment klingen mag, so wenig hält diese nette, kleine Verschwörungstheorie einer näheren Betrachtung stand. Zum einen ging es um keine Vollmitgliedschaft in der EU, zum anderen macht die Europäische Union sicher keine "Übernahmeangebote" für einzelne Staaten. Die Ukraine hätte einen ähnlich langen Weg wie die Türkei vor sich, bevor man ernsthaft über eine Vollmitgliedschaft nachdenken könnte.

Von Tatsachen will Jebsen sich offensichtlich nicht beeindrucken lassen. Er ist davon überzeugt, dass wir in Europa längst in einer Diktatur angekommen sind. Er als ehemaliger Radiomoderator weiß schließlich zu berichten, dass die deutschen Medien von Washington aus gelenkt werden und vergleicht seelenruhig die deutsche Medienlandschaft mit der gleichgeschalteten Nazipresse und behauptet munter, dass die Axel Springer AG von der CIA mitbegründet wurde. Quellen oder gar Beweise für diese "Fakten" bringt er natürlich nicht.

Jebsen selbst ist bei den sog. Montagsdemonstrationen ein gefeierter Redner, der sich selbst aber nicht als "Führer" der Bewegung verstanden wissen will, wie er an anderer Stelle mehrfach betonte. Ja was zum Geier denn dann? Sobald man diesem Mann ein Mikrofon unter die Nase hält, rüttelt er in orgiastischer Manier an den Grundfesten dessen, was wir als Wahrheit betrachten. Er ist ein hervorragender Rhetoriker, seine Wut trägt er extrovertiert nach außen und unterstreicht damit seine Botschaften. Von den gegelten Haaren bis zu den leicht abgetragenen Schuhen - er wirkt authentisch. Er ist ein Bürger wie Du und ich, aber einer, der intelligenter ist. Es muss stimmen, was er sagt, denn schließlich begegnen wir alle dem Staat ja mit einem gesunden Misstrauen.

BULLSHIT! Jebsen ist ein Brandstifter, der auf komplexe Probleme vermeintlich komplexe - aber unterm Strich doch viel zu einfache Antworten liefert. Er stillt unsere Sehnsucht nach Antworten, nach einem "Bösen", nach einem Schuldigen: Ganz klar - die USA sind schuld. Das Kapital ist schuld. Wir werden von Konzernen regiert. Von dort bis zu den auf den Montagsdemos vorherrschenden antisemitischen Parolen, dass wir von einer Geldaristokratie beherrscht werden, die zum Großteil jüdische Namen trägt, ist es nicht mehr sehr weit.

Es ist in Ordnung, die Presse zu hinterfragen. Es ist in Ordnung - nein, geradezu eine Bürgerpflicht - die Regierung kritisch zu hinterfragen. Von den Anhängern Jebsens wünsche ich mir nur eines: Hinterfragt dieses HB-Männchen ebenso gründlich und stellt seine Thesen auf den Prüfstand. Ich bin der festen Überzeugung: Dieser Mann hat nicht Recht.

Sonntag, 1. Dezember 2013

Unnützes Wissen am Sonntagmorgen über den 1. Advent


Jedes mal, wenn jemand einen schönen 1. Advent wünscht, freuen sich die Menschen im 7. Jahrhundert. Damals wurde erstmalig die Zeit vor der Geburt des Herrn gefeiert. "Advent", eigentlich "Adventus domini" bedeutet "Ankunft des Herren" und bezeichnet den Zeitraum von 22-28 Tagen mit 4 Sonntagen vor Weihnachten.

Insofern bezeichnet Advent einen Zeitraum und der 1. Advent demzufolge den ersten dieser Zeiträume. 

Daher wünsche ich euch einen schönen ersten Adventssonntag!

Dienstag, 12. November 2013

Hältst Du Vorträge oder spielst Du Powerpoint-Karaoke?



Inspiriert durch einen Artikel in "the next web" und vielfältigen Erfahrungen auf Tagungen, sowohl als Referent als auch als Teilnehmer, möchte ich mich mit dem dreckigen Dutzend beschäftigen, mit den Top 12 der Todsünden, mit denen man seine Zuhörer notorisch langweilt. Auch ich bin bei weitem nicht davor gefeit, immer wieder gegen eine oder mehrere dieser Punkte zu verstoßen. Daher ist es gut, sich diese goldenen Regeln immer wieder selbst ins Gedächtnis zu rufen.


1. Nutzt Du Powerpoint oder hast Du wirklich etwas zu sagen?

Keine Frage, Powerpoint, Prezi und Co sind prima Mittel, um einen Vortrag visualisierend zu begleiten. Wie gesagt, den Vortrag, also euch als Redner - nicht umgekehrt! Wir alle haben es sicher schon erlebt, dass sich Vortragende krampfhaft an einer Präsentation entlang hangeln und man sich fragt, ob er sich die Informationen aus den Folien holt, ob das seine eigene ist oder ob er lediglich Powerpoint-Karaoke spielt. Und wir alle wissen, wie das auf uns gewirkt hat...

2. "Tapp, Tapp, Tapp... Können Sie mich hören?"

Der Soundcheck. Wir kennen ihn alle. Vertraut euren Organisatoren einfach, die können auch etwas. Sollte das Mikrophon tatsächlich streiken, merkt ihr das auch ohne Klopfen oder "One, two, one, two...". Dann ist immer noch die Gelegenheit, sich kurz an die Organisation bzw. die Technik zu wenden. Oder selbst nachzuschauen, ob das Mikro an ist.

3. "Sorry, Leute, war eine kurze Nacht...

... ich hab Jet-Lag, bin müde, hatte noch nichts zu essen, bin erkältet, musste kurzfristig einspringen, seht mir also nach, wenn ich etwas leise rede." Nein! Eure Zuhörer entschuldigen diese oder andere lahme Ausreden, warum ihr euch nicht richtig vorbereitet habt, sicher nicht. Sie kommen zu der Veranstaltung, um euch reden zu hören, wollen eure Botschaft hören, haben u.U. sogar Geld dafür bezahlt. Auf jeden Fall aber investieren sie Zeit. Also kneift eure Backen zusammen, geht da durch und gebt Euer Bestes!

4. "Können Sie das lesen?"

Wenn ihr diese Frage stellen müsst, dann habt ihr grundlegend verkackt. Siehe Regel Nr. 1. Dann ist viel zu viel Text auf den Folien. Früher sprach man von der sog. "7er-Regel": Maximal sieben Worte in einer Zeile, maximal sieben Zeilen auf die Folie. Auch das ist in meinen Augen längst passé. Nur wenige Schlagworte, die Quintessenz dessen, was ihr sagen wollt sind zugelassen. Alles andere artet in Textwüsten auf den Slides aus und führt uns zu...

5. "Ich lese Ihnen das mal vor."

Ein absolutes no-go! Geht gar nicht! Des Lesens mächtig dürfte in der Regel jeder eurer Zuhörer sein, vorlesen langweilt also. Andererseits dürfen eure Slides erst gar nicht so viel Text enthalten, dass das Publikum großartig in die Verlegenheit kommt, länger lesen zu müssen. Niemals darf der Zuhörer mit dem Lesen des Textes beschäftigt sein, während er euch zuhören sollte. Bei aller angeblich vorhandener Multi-Tasking-Fähigkeit, aber gleichzeitig lesen, einen Text verstehen UND zuhören? Gleich drei Wünsche auf einmal? Das geht nun wirklich nicht. Wenn ihr tatsächlich einen maximal dreizeiligen Text auf euren Slides habt, bittet nach dem Aufblenden das Auditorium, diesen Text zu lesen - und haltet für eine angemessene Zeit die Klappe.

6. "Ich weiß, man kann es schlecht erkennen, aber..."

Spart's euch einfach. Wenn ihr wisst, dass Bilder, Diagramme oder ähnliches schlecht zu lesen sind - warum habt ihr sie dann überhaupt eingebaut? Geht's denn noch dilettantischer? Ein Slide muss für sich sprechen, muss ohne Erklärung ein von jedem verständliches Statement abgeben.

7. Der Klassiker: "Auf diesen Punkt komme ich später noch zu sprechen."

Wer kennt nicht die Situation: Aus dem Auditorium kommt eine Frage. Jemand hat sich den Mut gefasst, euch eine Frage zu stellen. Prima! Und was macht ihr? Ihr verweist auf später. Spannungsbogen und Motivation der Zuhörer, sich aktiv einzubringen, am Boden. Goldene Regel: "Störungen haben Vorrang!" Der Begriff "Störung" ist in diesem Zusammenhang nicht negativ belegt, sondern sogar wünschenswert. Wenn ihr zu diesem Punkt tatsächlich später noch etwas sagen wolltet, umso besser! Beantwortet die Frage gleich! Selbst wenn ihr dazu einen Slide in eurer Präsentation habt - dann springt direkt zu ihm und ermuntert eure Zuhörer, es dem Fragenden gleich zu tun.

8. "Bitte schalten Sie Ihre Handys, Laptops usw. aus."

Mal ehrlich: Wie oft haben wir diesen Hinweis schon gehört? Und wie oft hat dennoch irgendwann bei irgendwem das Handy gebimmelt? Bringt der Hinweis also irgend etwas? Den Leuten, denen das passiert, ist es peinlich genug, da geht man als Redner galant darüber hinweg. Zumal spätestens seit Siegeszug der Smartphones die Forderung, es auszuschalten, an Absurdität kaum zu überbieten ist. Es ist nunmal zwischenzeitlich normal, dass über Veranstaltungen, Reden usw. live getwittert wird, dass Slides abfotografiert werden, eventuell sogar der ganze Vortrag aufgenommen wird. Lebt damit - das ist kein Anzeichen von Missachtung euch gegenüber. Und wenn eure Zuhörer lieber ihren Facebookstatus checken anstatt euch zuzuhören, dann habt ihr ohnehin ganz andere Probleme...

9. Überlegt euch, wer euch zuhört - die Leinwand oder das Publikum? 

Es gibt durchaus Veranstaltungsorte, an denen ihr keinen Blick auf einen Monitor vor euch richten könnt, sondern lediglich einen Presenter in der Hand habt, um zu den nächsten Slides zu schalten. Ein kurzer Blick zur Leinwand muss genügen - mit der Leinwand zu sprechen, und im schlimmsten Fall dann nicht einmal ein Mikro in der Hand zu haben, führt unweigerlich zu einer deutlich sinkenden Aufmerksamkeitsspanne eurer Zuhörer.

10. Möge die Macht mit euch sein...

Aber bitte ohne Laser-Schwert, pardon... Laser-Pointer! Wenn ihr ihn einsetzen müsst, um auf einem Slide etwas zu verdeutlichen, solltet ihr euch grundlegend Gedanken über die Methodik eurer Vorträge und eurer Slides machen. Laser-Pointer sind sowas von 90er...

11. "Ich fasse mich kurz!"

Auch hier: Spart's euch einfach. Glaubt euch ohnehin kein Mensch, denn ein jeder kommt mit ein wenig Lebenserfahrung zu eurer Veranstaltung. Diese Lebenserfahrung besagt, dass diese Floskel in der Regel die Einleitung zu einem langatmigen Vortrag wird. Euer Publikum ist angereist, um euch reden zu hören. Sie haben Zeit mitgebracht. Wenn ihr der Ansicht seid, dass ihr die Zuhörer langweilt - denn nichts anderes ist das Versprechen, dass ihr mit diesem Eingangsstatement gebt - warum wollt ihr dann überhaupt sprechen? Lasst es lieber bleiben! Oder aber ihr habt tatsächlich etwas zu sagen - dann lasst euch die Zeit, die ihr braucht oder die eingeplant wurde.

12. "Meine Zeit ist zu Ende, ich habe aber noch 17 Folien..."

Abschließend verweise ich wieder auf Regel 1. Die Präsentation soll euch flankierend begleiten, während ihr euren Vortrag haltet. Daher ist weniger eben doch mehr. Gestaltet euren Vortrag so, dass er in eure Redezeit passt und noch eine Sicherheitsreserve von 10 Minuten pro Stunde beinhaltet, sodass ihr auf Fragen aus dem Publikum eingehen und von euch moderierte Diskussionen zulassen könnt. Wenn ihr noch nicht ausreichend Routine habt, dann übt das! Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Übt euren Vortrag so lange, bis ihr die Zeit abschätzen könnt, wisst, wann ihr die Slides wechseln müsst, wisst, welchen Part ihr kürzen könnt, wenn es mit der Zeit nicht hin haut. Und seid lieber fünf Minuten früher fertig als fünf Minuten später, euer Publikum wird es euch danken.


In diesem Sinne - achtet bei euren nächsten Tagungen darauf, egal ob als Teilnehmer oder Referent - ob ihr die oben genannten Punkte findet.