Montag, 17. November 2025

Intuitive Software

Stabssoftware: Intuitiv und ohne regelmäßige Nutzung/Schulung bedienbar

So habe ich es neulich mal wieder in einer Ausschreibung gelesen. Und wie jedes Mal muss ich schmunzeln, dass das ohne weitere Eingrenzung als Bewertungskriterium in eine Ausschreibung einfließt.

Schauen wir uns also einmal an, was „Intuition“ eigentlich bedeutet. Das „etymologische Wörterbuch des Deutschen“ definiert wie folgt: „Eingebung, ahnendes Erfassen, Erkenntnis ohne wissenschaftliche Einsicht“ (1).

Das klingt nach Bauchgefühl, nicht nach einer klar prüfbaren Produkteigenschaft.

Die Wissenschaft ist da weiter: Intuition lässt sich definieren und messen – aber immer nur bezogen auf eine konkrete Zielgruppe und ihr Vorwissen. Vereinfacht gesagt: Intuitiv ist eine Nutzung dann, wenn Menschen mit ihrem vorhandenen Wissen Aufgaben erfolgreich lösen können, ohne lange nachzudenken und ohne große kognitive Anstrengung. Bis zu einem gewissen Grad ist das messbar, siehe Mohs und Hurtienne (2006) (2).

Aber genau hier beginnen die Probleme in Ausschreibungen:

Wenn keine Kriterien definiert sind, ist jede Software "intuitiv" bedienbar. Welche Zielgruppe mit welchem Vorwissen ist eigentlich gemeint?

▶️ IT-affine Stabsmitglieder mit vielen Jahren BOS-Erfahrung, die tatsächlich ohne großartige Einweisung eine Stabssoftware intuitiv erfassen können?
▶️ Haupt- und ehrenamtliche Führungskräfte, die ein- bis zweimal im Jahr im Stab sitzen und beruflich sowie privat sonst keine Berührungspunkte zu IT haben?
▶️ Verwaltungsmitarbeitende ohne größere Stabserfahrung?

Mal ernsthaft: Erwartet man, dass jede Person – unabhängig von IT-Vorkenntnissen und Fachwissen im Bevölkerungsschutz – komplexe Stabssoftware ohne Einweisung sicher bedienen kann? Klar ist sicher: Man benötigt eine gewisse IT-Affinität und ein Verständnis von Lageführung, Führungsorganisation und Prozessen.

Das beliebte Argument „Im Bevölkerungsschutz kann ja jede*r mit Papier und Stift arbeiten, Papier und Stift sind intuitiv bedienbar“ greift genauso zu kurz. Nehmen wir den 4-Farben-Vordruck: Wer das Formular nie gelernt oder geübt hat, wird damit im Einsatz unter Stress kaum souverän umgehen. Genauso wenig, wie früher jemand ohne Einweisung „mal eben“ mit Mantelbogen, Anlage N und Anlage Kind seine Lohnsteuererklärung ausfüllen konnte - obwohl jede*r im Alltag mit Papier und Stift umgeht.

Die Pointe: Intuition ist nichts Absolutes. Ohne klare Definition von Zielgruppe, Vorwissen und Aufgaben bleibt „intuitiv bedienbar“ im Lastenheft Buzzwording und ein leeres Versprechen – ein Kriterium, das so abzufragen absolut keinen Mehrwert bietet und im Nachgang unter Umständen zu Diskussionen führt.

Quellen:
(1) https://www.dwds.de/wb/etymwb/Intuition
(2) https://www.researchgate.net/publication/280015034_Intuitivitat_definierbar_beeinflussbar_uberprufbar

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen