Sonntag, 3. Januar 2021

Multi-Level-„Marketing“

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Solche und ähnlich gelagerten Stellenanzeigen fluten die Stellenbörsen in den sozialen Medien. Die Reaktionen zeigen, wie oft hier tatsächlich Interesse geweckt wird. Und das, obwohl in der „Annonce“ oftmals nicht einmal der Firmenname genannt wird. Kennern der Materie ist sofort klar, dass es um Network- oder Multi-Level-Marketing geht. 

Nachfolgendes spiegelt meine persönliche Meinung wider - das nur als Disclaimer, weil ich bereits einmal von einem Direktvertriebler aus der Diätbranche mit einer Unterlassungserklärung überzogen wurde, da ich angeblich sein Unternehmen diskreditiert hätte. 


Zur Wahrheit neben dem Geschwurbel von „mach Dich frei von negativen Gedanken bla bla“ gehört aber auch, dass in Multi-Level-Marketing-Systemen nicht jeder Vertriebler nur von seinen eigenen Verkäufen profitiert sondern auch von den Verkäufen der Leute, die er rekrutiert hat. In manchen Unternehmen auch noch von den Umsätzen der nächsten Ebene(n). Und das wird im Volksmund durchaus auch als Schneeballsystem bezeichnet - wenn auch durch Reglementierung der Level „legal“. Illegal wäre es, würden die Verdienste bis zur Spitze aufgeteilt und eine immer größere Pyramide gebaut. Dennoch: Auch mit einer dreistufigen Pyramide und ausreichend großer Reichweite wird der Schneeball unter Umständen recht groß, wenn ich an den Umsätzen der nächsten zwei mir nachgeordneten Ebenen mit 10-50% partizipiere. Durch das Versprechen, schließlich ja auch eigene Vertriebsmitarbeiter rekrutieren zu können und an deren Umsätzen ebenfalls beteiligt zu sein, soll einem die Angst genommen werden, im Direktvertrieb der in der Regel sehr hochpreisigen, um nicht zu sagen: völlig überteuerten Produkte (keine Sorge, die „Spitze“ des Konzerns verdient dadurch mehr als nur ausreichend mit) selbst nicht wirklich zu performen. 


Langfristige Erfolge stellen sich bei den Allerwenigsten ein, da man irgendwann dem gesamten Familien- und Freundeskreis ausreichend auf die Nerven gegangen ist und keine Termine für Verkaufspartys mehr bekommt. Für die meisten bleibt es ein zeitaufwändiger aber wenig ertragreicher Nebenverdienst und viele wechseln von einem MLM-System zum nächsten oder versuchen, mehrere parallel zu bedienen. Gegen die Produkte möchte ich oftmals gar nichts sagen, pampered chef, Tupper, Vorwerk, teilweise auch pro-win hat zweifelsohne qualitativ hochwertige Produkte. Ich für meinen Teil bezweifle allerdings, dass die Artikel ein gerechtfertigtes Preis-Leistungsverhältnis aufzeigen, erhält man doch in der Regel gleichwertige Produkte im regulären Einzelhandel ohne die exorbitanten Vertriebsmargen der MLM-Akteure zu einem Bruchteil des Preises. Nehmen wir die Vorwerk-Produkte als Beispiel: Niemand bezweifelt, dass die Staubsauger und der Thermomix gute Produkte sind - aber es gibt qualitativ vergleichbares am Markt. Für sicher 75% weniger Investitionskosten. 


Über die MLM-Finanz- und Versicherungsdienstleister möchte ich mich an dieser Stelle nicht auslassen. Das Verdienstkonzept ist ähnlich. Die von in einer unternehmenseigenen Schnellbleiche „qualifizierten“ Fach- und Branchenfremden vertriebenen Produkte sind aber meiner Erfahrung und Meinung nach nicht qualitativ hochwertig. Im Gegenteil. 


Wie gesagt, auch das gehört zur Wahrheit dazu, egal ob bei LR, PM, ProWin, Avon, amway oder was auch immer. Und es wäre ehrlich, würde man direkt im Posting darauf hinweisen, dass es um Multilevelmarketing geht. Und am ehrlichsten wäre es, würden die Unternehmen Statistiken zeigen, wie viele im ersten Jahr wieder hingeschmissen haben und wie viele der Vertriebsmitarbeiter*innen im Schnitt über Jahre hinweg ein ausreichend hohes Gehalt erhalten. Und wie viel Prozent zu den Topverkäufer*innen werden, die dann tatsächlich einen Oberklassewagen als Dienstwagen erhalten, die einem LR beispielsweise als recht einfach zu erreichen suggeriert. Da diese Zahlen nicht veröffentlicht und diese Fragen nicht beantwortet werden, liegen sie vermutlich im niedrigen Prozent- wenn nicht gar Promillebereich. 


Schlussendlich muss es jeder selbst wissen - aber ich bin der festen Überzeugung: So etwas wie schnell und einfach verdientes Geld als eigener Chef vom Handy und von der heimischen Couch aus gibt es nicht und für mich bleibt Multi-Level-Marketing oftmals hart an der Legalität. 

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