Roy Horn stirbt, er war mit SARS-CoV2 infiziert und an Covid19 erkrankt.
In den Kommentarspalten unter entsprechenden Artikeln in den Leitmedien entbrennt sofort die Diskussion, dass Roy ja schließlich nicht an sondern nur „mit“ Covid19 gestorben sei. Ins gleiche Horn trötet ja auch seit Wochen Tübingers OB Boris Palmer, man würde derzeit nur Leben von Menschen retten, die ohnehin in ein paar Wochen verstorben wären.
Das ganze ist natürlich auf mehreren Ebenen postfaktischer Bullshit. Ansonsten hätten wir keine Übersterblichkeit, die sich statistisch in den meisten Ländern signifikant auswirkt.
(Übersterblichkeit:
https://www.n-tv.de/panorama/Deutschland-registriert-mehr-Tote-als-sonst-article21767623.html
https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps
https://www.nytimes.com/interactive/2020/04/21/world/coronavirus-missing-deaths.html )
Natürlich trifft es überwiegend ältere Menschen. Aber es gibt hinreichend tödlich verlaufende Fälle von deutlich jüngeren Menschen, zwar auch in der Regel vorerkrankt, aber mit Sicherheit noch mit einer hohen Lebenserwartung.
Mal ganz davon ab: Wer heute das 80. Lebensjahr erreicht hat, hat statistisch gem. der Sterbetafeln noch immer eine Lebenserwartung von 9 Jahren. Insofern ist die ganze Betrachtungsweise nur eines: Zynisch.
Diese semantische Diskussion ob „mit“ oder „an“ Covid19 ist doch völlig sinnbefreit.
Die wichtigste Aussage im unten verlinkten Artikel ist:
„Was der Pathologe in der Schweiz aber auch konstatierte: Keine dieser Vorerkrankungen hätte vermutlich kurzfristig zum Tod geführt. Ohne Coronavirus wären alle Patienten vermutlich noch am Leben. Die festgestellten Vorerkrankungen wirken zwar grundsätzlich lebensverkürzend, aber alle Patienten hätten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ohne Covid-19 noch länger gelegt. Wie lange, kann natürlich niemand vorhersagen.“https://www.freiburg-nachrichten.de/2020/04/22/mit-oder-an-covid-19-gestorben-ist-das-ein-unterschied/
Aus humanistischer Sicht stellt sich bei den ganzen Verharmlosern dann doch die Frage, ob Vorerkrankte (by the way nach pessimistischen Einschätzungen ein paar Millionen in Deutschland nach der Definition für SARS-CoV2-Risikogruppen) weniger Recht auf Leben haben? Ich denke, eher nicht.
Björn Vetter - privater Blog: Politik - Vaihingen - Kommunales - Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) - Bevölkerungsschutz - Bundeswehr - Sozial- und Gesundheitswesen - Social Media - BWL - Marketing - EinsatzVeteran - Segelfliegen - Motto: Proud to be a nerd! Gebloggt wird, was bewegt.
Samstag, 9. Mai 2020
Dienstag, 25. Februar 2020
Coronavirus
Heute wurde ich aus Feuerwehrkreisen gefragt, wie ich die Sache mit dem Coronavirus einschätze. Ich habe mit mir gehadert, ob ich mich dazu öffentlich äußere oder nicht, da man derzeit dazu neigt, Stimmen der Mahnung in die Ecke von Verschwörungstheoretikern zu drängen. Wer mich näher kennt, weiß, dass nichts der Wahrheit ferner liegen könnte.
Dennoch empfinde ich die momentanen Beschwichtigungs- und Relativierungsbemühungen seitens der Bundesregierung und einem großen Teil der Medien vom objektiven Standpunkt her als ebenso danebenliegend wie die schon beinahe ans hysterisch grenzende Twitter-Gemeinde und Boulevard-Presse.
My 2 Cents zu diesem Thema:
Ich betrachte die Sache tatsächlich mit steigender Sorge. Wenn man ein paar Fakten zusammennimmt, die in den letzten Tagen vor allem auch in der ausländischen Presse bekannt wurden, ergibt sich folgendes Bild:
- Die Inkubationszeit beträgt bis zu 28 Tage (nicht 14, wie bislang gedacht)
- mehrfach negativ getestete Personen haben dennoch das Virus übertragen
- die Krankheit kann symptomfrei und mit sehr mildem Verlauf von statten gehen und wird oft nicht erkannt
- die Erkrankungsdauer wird mit bis zu 6 Wochen angegeben, bereits gesundete Patienten bleiben in China weitere 14 Tage unter Quarantäne
Man kann also davon ausgehen, dass zehntausende von Überträgern unerkannt und damit nicht in Quarantäne sind - auch in Europa, wie Italien im Moment mit den ersten Todesfällen beweist. Das Virus mag weniger ansteckend sein wie die normale saisonale Influenza, dennoch können wir bereits jetzt von einer Epidemie sprechen, die Gefahr einer Pandemie ist definitiv gegeben. Die vorbeugenden Quarantänemaßnahmen sind vor diesem Hintergrund eigentlich völlig für die Katz und machen nur bei vermutlich Erkrankten in beschränktem Umfang zur Beobachtung und rechtzeitiger medizinischer Intervention Sinn. Ausgangssperren über ganze Landstriche verhängen, Touristenhotels mit 1000 Gästen unter Quarantäne stellen - verhindern lässt sich die Ausbreitung so wohl nicht, allenfalls verlangsamen. Das Virus jedenfalls macht in einer globalisierten Welt an Grenzen keinen Halt.
Die Letalität liegt derzeit bei 3%. Wenn man postuliert, dass die Dunkelziffer durch symptomfrei Erkrankte oder zumindest mit mildem Verlauf Erkrankte deutlich höher ist als bekannt, dann dürfte die Letalität zunächst einmal noch deutlich sinken. Das klingt im ersten Moment beruhigend, auch wird sehr oft der Vergleich zur "normalen" Influenza bemüht. Ich bin mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass das eine zu undifferenzierte Sichtweise ist, denn:
- bei der Influenza gibt es trotz Impfung jährlich zigtausend Tote - für dieses Coronavirus existiert aber vermutlich über Jahre hinaus keine Impfung. D.h., immungeschwächte und lungenerkrankte Personen können sich nicht prophylaktisch schützen - und genau in dieser vulnerablen Gruppe passieren die tödlichen Krankheitsverläufe.
- Man geht von einem milden Verlauf bei 80% der Infizierten aus. Das ist im ersten Moment auch beruhigend, aber nur so lange das ganze nicht wirklich größere pandemische Ausmaße annimmt. Sollte das tatsächlich passieren, sind unsere Ressourcen für die übrigen 20%, die medizinische bis intensivmedizinsche Behandlung und Betreuung benötigen, sehr schnell am Ende angelangt. Und dann ist der Moment erreicht, in dem die Letalitätsrate die 3% sehr schnell überschreitet.
Sich darauf zu berufen, dass die Mehrheit ja einen milden Krankheitsverlauf haben dürfte, sogar milder als bei einer Grippe und darum kein Grund zur Sorge bestünde, ist den Alten, den Gebrechlichen und unseren Kleinkindern gegenüber mehr als nur zynisch, dieser Aussage haftet etwas darwinistisches an.
In meinen Augen wäre es seitens der Bundesregierung rein prophylaktisch sinnvoll, sehr schnell im Rahmen des Bevölkerungsschutzes Kapazitäten in Form von Lazaretten aufzustellen. Richtige Notlazarette haben wir in keiner Vorhaltung für den nationalen Bevölkerungsschutz mehr, und das wird sich irgendwann rächen. Hoffentlich nicht bei dieser "Pandemie", sofern es eine ist, aber irgendwann... Spahn irrt meiner Ansicht nach, wenn er der Ansicht ist, dass die nationalen Pandemieplanungen ausreichend seien.
Freitag, 5. Juli 2019
„Du warst doch nur Sani, Du bist doch kein Veteran...“
… „eigentlich nur eine Krankenschwester!“ meint mein Gegenüber, ehemaliger Grundwehrdienstleistender bei den Fallschirmjägern und heute leidenschaftlicher Airsoftspieler, der sich mehrmals im Jahr als Soldat verkleidet und auf Truppenübungsplätzen im ehemaligen Ostblock „Krieg spielt“.
Ich überlege, ob ich ihm erzählen soll, was mich seit Sarajevo und Prizren 1998 und 2000 bewegt. Ob ich ihm vom soldatischen Leben in einem Feldlager berichten soll, von bis zu sechs Monaten am Stück Abwesenheit von Familie, Freundes- und Bekanntenkreis? Vom Gefühl der permanenten latenten Gefahr für Leib und Gesundheit im Einsatzland auf der einen und die langen Zeiten eintöniger, dröger Ereignislosigkeit, Routine und Langeweile auf der anderen Seite, die Soldaten schulterzuckend mit „Jeder Tag ist Mittwoch“ akzeptieren? Vom bürokratischen Wahnsinn, der auch im Einsatzland nicht Halt macht, vom Vertrauensverlust in Institutionen und Vorgesetzte, von der vielbeschworenen, gelebten Kameradschaft, die man so in dieser Form nur unter Einsatzsoldaten findet – die meiner Erfahrung nach aber leider oftmals mit der Dienstgradgruppe endete?
Soll ich ihm erklären, was es bedeutet, 24/7 bewaffnet zu sein und nur auf Befehl und mit Splitterschutzweste, geladener Waffe usw. das Feldlager verlassen zu können? Von der massiven Grundanspannung, mit militärischen Fahrzeugen im normalen, zivilen Straßenverkehr unterwegs zu sein, vom unguten Gefühl bei jedem durch Staus oder ähnlichem erzwungenen Halt? Von der Angst bei nächtlichen Patrouillenfahrten? Erzähle ich von der Ohnmacht, nicht helfen zu können; vom Gefühl, als Rettungssanitäter in einer Medevac-Einheit eventuell nicht gut genug ausgebildet geschweige denn ausgerüstet zu sein - vom Rettungsdienstalltag im Einsatz, der so ganz anders ist als in Deutschland? Vom Leid der Bevölkerung, von der allgegenwärtigen Armut, die man wohlstandsverwöhnt, wie man als Deutscher ist, vorher nicht einmal erahnen konnte? Von den toten Kindern, die von Blindgängern oder Minen zerrissen wurden oder sich beim Spielen mit Waffen gegenseitig umgebracht haben? Von den Exhumierungen durch das Kriegsverbrechertribunal, bei denen meist Kampfmittelbeseitiger und damit auch „Sanis“ dabei waren? Vom alles durchdringenden, süßlich-herben und brechreizerregenden Verwesungsgestank, an den man sich viel zu schnell gewöhnt, den man aber nie mehr gänzlich aus der Nase bekommt? Von der eigenen Hilflosigkeit, wenn Kameraden, mitunter die härtesten Hunde, im Einsatz psychisch zusammenklappen und man ihnen nicht helfen kann, man mit ihnen leidet? Von den Suiziden im Kameradenkreis? Von der beinahe körperlich greifbaren Trauer im gesamten Feldlager bei Todesfällen im Kontingent? Vom dennoch befriedigenden Gefühl, trotz allem an etwas Wichtigem teilzuhaben, das größer ist als man selbst; als kleiner Teil des großen Ganzen schlimmeres Unheil zu verhindern und aktiv helfen zu können?
Erwähne ich die nächtlichen Schüsse in der direkt ans Feldlager angrenzenden Stadt, die in der Morgenlage oftmals als „landestypische Freudenfeuerwerke“ erklärt wurden oder das drive-by-Shooting, als aus einem am Feldlager vorbeifahrenden Auto Feuerstöße auf den Sichtschutzzaun abgegeben wurden und nur der holden Fortuna dankend niemand verletzt oder gar getötet wurde? Ob er es versteht, dass ich noch heute, 20 Jahre später, jedes Mal unmittelbar an Minen und Sprengfallen denken muss, wenn ich befestigte Wege verlasse? Dass die Einsätze immer noch Bestandteil meiner Gedankenwelt und gelegentlich auch der nächtlichen Träume sind? So viele Gedanken, Erinnerungen und Eindrücke, gute wie schlechte, drängen bei seinem Spruch an die Oberfläche...
Ich atme tief durch. Ich erspare mir fruchtlose Diskussionen über Truppengattungen und Einsatzerfahrungen, erspare mir belehrende Kommentare im Sinne von „Du warst ja schließlich freiwillig dort…“ oder „Heute in Afghanistan ist alles viel schlimmer“. Ich akzeptiere, dass er all das nicht verstehen kann und will - und antworte nur: „Du weißt doch: Seit letztem Jahr ist jeder, der gedient hat, ein Veteran. Auch Du.“
Und denke, nicht ganz ohne Stolz: „Aber ich bin EinsatzVeteran!“
Ich überlege, ob ich ihm erzählen soll, was mich seit Sarajevo und Prizren 1998 und 2000 bewegt. Ob ich ihm vom soldatischen Leben in einem Feldlager berichten soll, von bis zu sechs Monaten am Stück Abwesenheit von Familie, Freundes- und Bekanntenkreis? Vom Gefühl der permanenten latenten Gefahr für Leib und Gesundheit im Einsatzland auf der einen und die langen Zeiten eintöniger, dröger Ereignislosigkeit, Routine und Langeweile auf der anderen Seite, die Soldaten schulterzuckend mit „Jeder Tag ist Mittwoch“ akzeptieren? Vom bürokratischen Wahnsinn, der auch im Einsatzland nicht Halt macht, vom Vertrauensverlust in Institutionen und Vorgesetzte, von der vielbeschworenen, gelebten Kameradschaft, die man so in dieser Form nur unter Einsatzsoldaten findet – die meiner Erfahrung nach aber leider oftmals mit der Dienstgradgruppe endete?
Soll ich ihm erklären, was es bedeutet, 24/7 bewaffnet zu sein und nur auf Befehl und mit Splitterschutzweste, geladener Waffe usw. das Feldlager verlassen zu können? Von der massiven Grundanspannung, mit militärischen Fahrzeugen im normalen, zivilen Straßenverkehr unterwegs zu sein, vom unguten Gefühl bei jedem durch Staus oder ähnlichem erzwungenen Halt? Von der Angst bei nächtlichen Patrouillenfahrten? Erzähle ich von der Ohnmacht, nicht helfen zu können; vom Gefühl, als Rettungssanitäter in einer Medevac-Einheit eventuell nicht gut genug ausgebildet geschweige denn ausgerüstet zu sein - vom Rettungsdienstalltag im Einsatz, der so ganz anders ist als in Deutschland? Vom Leid der Bevölkerung, von der allgegenwärtigen Armut, die man wohlstandsverwöhnt, wie man als Deutscher ist, vorher nicht einmal erahnen konnte? Von den toten Kindern, die von Blindgängern oder Minen zerrissen wurden oder sich beim Spielen mit Waffen gegenseitig umgebracht haben? Von den Exhumierungen durch das Kriegsverbrechertribunal, bei denen meist Kampfmittelbeseitiger und damit auch „Sanis“ dabei waren? Vom alles durchdringenden, süßlich-herben und brechreizerregenden Verwesungsgestank, an den man sich viel zu schnell gewöhnt, den man aber nie mehr gänzlich aus der Nase bekommt? Von der eigenen Hilflosigkeit, wenn Kameraden, mitunter die härtesten Hunde, im Einsatz psychisch zusammenklappen und man ihnen nicht helfen kann, man mit ihnen leidet? Von den Suiziden im Kameradenkreis? Von der beinahe körperlich greifbaren Trauer im gesamten Feldlager bei Todesfällen im Kontingent? Vom dennoch befriedigenden Gefühl, trotz allem an etwas Wichtigem teilzuhaben, das größer ist als man selbst; als kleiner Teil des großen Ganzen schlimmeres Unheil zu verhindern und aktiv helfen zu können?
Erwähne ich die nächtlichen Schüsse in der direkt ans Feldlager angrenzenden Stadt, die in der Morgenlage oftmals als „landestypische Freudenfeuerwerke“ erklärt wurden oder das drive-by-Shooting, als aus einem am Feldlager vorbeifahrenden Auto Feuerstöße auf den Sichtschutzzaun abgegeben wurden und nur der holden Fortuna dankend niemand verletzt oder gar getötet wurde? Ob er es versteht, dass ich noch heute, 20 Jahre später, jedes Mal unmittelbar an Minen und Sprengfallen denken muss, wenn ich befestigte Wege verlasse? Dass die Einsätze immer noch Bestandteil meiner Gedankenwelt und gelegentlich auch der nächtlichen Träume sind? So viele Gedanken, Erinnerungen und Eindrücke, gute wie schlechte, drängen bei seinem Spruch an die Oberfläche...
Ich atme tief durch. Ich erspare mir fruchtlose Diskussionen über Truppengattungen und Einsatzerfahrungen, erspare mir belehrende Kommentare im Sinne von „Du warst ja schließlich freiwillig dort…“ oder „Heute in Afghanistan ist alles viel schlimmer“. Ich akzeptiere, dass er all das nicht verstehen kann und will - und antworte nur: „Du weißt doch: Seit letztem Jahr ist jeder, der gedient hat, ein Veteran. Auch Du.“
Und denke, nicht ganz ohne Stolz: „Aber ich bin EinsatzVeteran!“
Freitag, 7. Juni 2019
Generation YouTube und der politische Diskurs
26jähriger YouTuber, die Kommentarspalten so: „Hey, interessant, was der zu sagen hat! Und wehe, es macht sich einer über seine Frisur lustig oder unterstellt ihm finanzielle Interessen!“
26jähriger Politiker, die Kommentarspalten so: „Haha! Werd erstmal erwachsen! Siehst aus wie Steve Urcle! Milchgesicht! Der Rentner im Körper eines 26jährigen!“
Ernsthaft?
Das ist Deutschland 2019.
26jähriger Politiker, die Kommentarspalten so: „Haha! Werd erstmal erwachsen! Siehst aus wie Steve Urcle! Milchgesicht! Der Rentner im Körper eines 26jährigen!“
Ernsthaft?
Das ist Deutschland 2019.
Freitag, 17. Mai 2019
EinsatzVeteran
Meine Facebookfreunde kennen meine mittlerweile liebgewordene Tradition des #casualTshirtfriday - unter diesem Hashtag zeige ich, dass ich freitags in der Regel im T-Shirt ins Büro komme. Ein wenig mehr "casual" als sonst, sozusagen.
Manchmal hat das T-Shirt einen Kontext - heute geht es um den Bund Deutscher EinsatzVeteranen e.V., ich habe das Bild mit diesem Text eingestellt:
#casualTshirtfriday #BundDeutscherEinsatzVeteranen
Heute hat mein T-Shirt einen ernsten Hintergrund.
Vor etwa eineinhalb Jahren wurde ich von einem Psychologen im Rahmen einer gutachterlichen Untersuchung vor einer Operation gefragt, ob ich durch meine Einsätze Ende der 1990er Jahre in Sarajevo und dem Kosovo (2000) traumatisiert sei. Ich wies das geradezu reflexartig weit von mir – wie könne ich das, wenn ich nicht unmittelbar an Gefechten beteiligt gewesen war? Es gibt so viele Soldatinnen und Soldaten, die weitaus schlimmeres erlebt haben. „Nein“, war meine Antwort. „Das liegt ja mittlerweile fast 20 Jahre zurück, ich bin sicher nicht traumatisiert. Das ist vorbei...“
Die Frage hat dennoch etwas in mir ausgelöst. Stimmt das so? Gingen diese Einsätze wirklich spurlos an mir vorbei? Warum muss ich noch heute unmittelbar an Minen denken, wenn ich befestigte Wege verlasse? In meiner aktiven Zeit im Rettungsdienst haben mich gewisse Gerüche immer unmittelbar an die Exhumierungen von Massengräbern erinnert. Große Menschenmassen erzeugen noch heute ein ungutes Gefühl in mir und ich halte mich lieber am Rand auf anstatt mittendrin, halte unwillkürlich nach Fluchtwegen und Deckung Ausschau. Bei unverhofften Knallgeräuschen muss ich auch heute noch sofort an das Drive-By-Shooting im Feldlager Prizren denken, bei dem nur aus purem Glück niemand verwundet wurde. Ich empfinde noch immer unbändige Wut, wenn ich an den Dilettantismus vieler Akteure in den Einsätzen denke. Wut auf Vorgesetzte, die Machtverhältnisse missbrauchten – manch einen hätte ich mir gut 70 Jahre früher in anderer Uniform mit kniehohen Stiefeln und Reitgerte in der Hand vorstellen können. Wut auf mich selbst, nicht immer den eigenen Prinzipien gefolgt, sondern unter Androhung von Repatriierung und etwaiger, wie ich heute weiß völlig unsinniger dienst-, zivil- und strafrechtlicher Folgen eingeknickt zu sein. Wut auf ein System, das Machtmissbrauch begünstigt hat. Wut auf die naiv-romantischen Spinner von Friedensbewegung und Co., die dem Genozid lieber weiterhin friedlich demonstrierend zugesehen hätten und uns als Mörder verurteilen. Die eigene Verrohung in dieser Zeit, den Verlust der guten Sitten, das extrem markige, martialische Auftreten und Verhalten untereinander entsetzen mich rückblickend noch heute, die „Resozialisierung“ im zivilen Umfeld ging zum Glück relativ schnell.
Ich empfinde Mitleid mit Opfern unter den „Locals“, denen bewusst nicht geholfen wurde oder aus Unfähigkeit nicht geholfen werden konnte. Gänsehaut bekomme ich noch heute, wenn ich mich an die Ehrengeleite von im Einsatz umgekommenen Kameraden erinnere – auch wenn damals keine Kampfhandlungen sondern Suizide, Herzinfarkte oder Unfälle die Ursache waren.
Nein, ich glaube tatsächlich nicht, dass ich traumatisiert bin – aber gewiss haben mich diese Einsätze nachhaltig geprägt und haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Ob einige gesundheitliche Probleme der letzten 15 Jahre eventuell doch ihre Ursachen in dieser Zeit hatten? Ich weiß es nicht – heute geht es mir jedoch gut. Ich bin mir bewusst, dass viele der mittlerweile über 300.000 Kameradinnen und Kameraden, die im Einsatz waren, nicht so viel Glück hatten, die verwundet an Körper oder Seele heimgekehrt sind. Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee, Soldatinnen und Soldaten kommen aus der Mitte unserer Gesellschaft, sie werden vom Bundestag in den Einsatz geschickt. Veteranen sind Menschen wie Du – und ich. Daher bin ich Mitglied im Bund Deutscher EinsatzVeteranen e.V., daher werbe ich für eine Anerkennungs- und Veteranenkultur in Deutschland.
www.veteranenverband.de
#sempercommunis
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